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Der Geist von Hainburg

Rede anläßlich der Sternwanderung am 8. Dezember 1994 in der Stopfenreuther Au von Peter Weish

Die Zwentendorf Bewegung trat auf gegen die nu-kleare Bedrohung. Dabei wurde Vielen klar, daß ein Nein zur Atomkraft zwar notwendig, aber nicht hinrei-chend für den Schutz der Umwelt ist. Es geht vielmehr um einen neuen Wirtschafts- und Lebens-stil. Es geht um ein neues Selbstverständnis, um neue Formen der Ethik.

Ich möchte heute etwas zum Geist von Hainburg sagen, den wir in den kalten Dezembertagen und -nächten vor 10 Jahren in uns erlebt haben:

Der Geist von Hainburg ist der Geist von Natur-verbundenheit, Gewaltlosigkeit und Solidarität. Soli-darität im umfassenden Sinn. Solidarität nicht nur mit den Mitmen-schen, sondern auch mit den Mitgeschöp-fen, ganz im Sinne einer ökologischen Ethik, wie sie in der berühmten Rede des Indianer-häuptlings Seattle zum Ausdruck kommt, als er sagte: ≥Wir sind ein Teil der Erde, und sie ist ein Teil von uns. Die duftenden Blumen sind unsere Schwestern, die Rehe, das Pferd, der große Adler ˆ sind unsere Brüder... Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selber an...„

Wir erlebten den ≥Geist des Waldes„, spürten, daß unsere Brüder und Schwestern, die Bäume und all die Geschöpfe in den Gewässern von der Vernichtung bedroht sind und daß wir für sie einstehen müssen, auch wenn wir dabei viel riskieren. Der Geist von Hain-burg war verbal nicht zu vermitteln: In einer der Verhandlun-gen mit Regierungs-vertretern habe ich den Versuch unternommen, das Gefühl der Bereit-schaft zur selbstlosen Aufopferung für die Mitge-schöpfe in der Au zu beschreiben, um klar zu machen, wie ernst es denen ist, die sich vor die Bagger legen. Ich erinnere mich noch gut an meine Betroffenheit, wie einer der hartgesottenen Politiker meine bewegten Worte als ungeheuerlichen Versuch der Druckaus-übung auf die Politik bezeichnete.

In der Au ist das anfängliche Gefühl der Ohn-macht dem Gefühl des Selbstvertrau-ens und der Stärke gewichen. Jeder von uns hat unvergeßliche Erfahrun-gen gemacht, am Lagerfeuer und bei ein-samen Wan-derungen im nächtlichen Auwald unter den Sternen.

Wir konnten Albert Schweitzers spirituelle Erfah-rung nachvollziehen, der seine Ethik der Ehr-furcht vor dem Leben auf den Punkt brachte, als er sagte: ≥Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will„

So mancher, der sich von der katholischen Kirche wegen deren anthropozentrisch verengten, naturver-achtenden Einstellung abgewendet hatte, konnte neue, beglückende Erfahrungen einer allgemeinen Form der Religiosität machen: Verantwortung für das Leben, Verantwortung für die Schöpfung zu verspü-ren ˆ sich spirituell als Stäubchen im Kosmos zu erleben, in dem Mitleid, Freiheit und Verantwor-tung zur Wirkung kommt. So, wie es der Theologe Leonardo Boff aus der Sicht des Glau-bens formu-liert: ≥Die Dinge exi-stierten schon vor dem Urknall bzw. vor der großen Inflation vor fünfzehn Milliar-den Jahren. Wir befan-den uns im Her-zen Gottes. Von dorther kommen wir, und dorthin kehren wir auch zurück.„

Wer den Geist von Hainburg in sich fühlt, der er-kennt auch, daß die Ethik der Ehr-furcht vor dem Leben unbequem ist, daß sie Opfer fordert. Genauso, wie wir heute die Mitläufer und Angepaßten im Hitler-deutschland kritisieren oder sogar als Ver-bre-cher bezeichnen, müssen wir erkennen, daß das Mitläufer-tum in unserer natur-zerstörenden und Elend schaffen-den Verschwendungs- Ausbeutungs- und Plünde-rungswirtschaft ein Verbrechen ist.

Albert Schweitzer hat einmal gesagt: Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels.Wir dürfen nicht mitschwimmen und unser Gewis-sen beruhigen sondern wir müs-sen Gegen-kräfte aufbauen, bremsen, gegen den Strom schwimmen, Systemzwänge abbauen. Wir haben erkannt, daß Frei-heit in erster Linie Freiheit zur Ver-antwortung ist.

Der Geist von Hainburg hat auch mit zivilem Un-gehorsam zu tun, mit dem in Kauf nehmen von berufli-chen Nachteilen, Riskieren des Erleidens von Gewalt oder Strafe.

Die Tage und Wochen in der Stopfenreuther Au haben uns auch eine weitere, ent-scheidende Erfah-rung gebracht: Wenn wir gemeinsam für eine gerechte Sache ein-treten, uneigennützig, gewaltfrei und soli-darisch und wenn es sein muß auch in zivi-lem Unge-horsam, dann sind wir stärker als die ver-einten Systemsklaven im Interessenfilz von Wirt-schaft, Bürokratie und Politik.

Keiner von uns kann die Welt retten ˆ wohl aber die eigene Integrität. Wie es ein weiser Satz im Talmud zum Ausdruck bringt: ≥Es ist dir zwar nicht vergönnt, das Werk zu vollenden ˆ du hast aber auch nicht das Recht, deinen Anteil daran zu ver-weigern!„

Wir wollen dafür Sorge tragen, daß der Geist von Hainburg weiterlebt:

Hain-burg ist überall!

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