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Skizzen zur Zukunftspolitik
"Zukunftsmanifest-Kurzfassung":
für den Aufbruch zur
nachhaltigen und globalen
Systementwicklung
für ein zukunftsfähiges XXI. Jahrhundert
ESD-Memorandum
März 2003
c ESD / IfS: isbn 3-900791-20-1
AUSGANGSSITUATION
Die Situation auf unserem Planeten ist durch das Wirken des herrschenden Weltsystems in den letzten Jahren so dramatisch geworden, dass wir uns in einer "Titanic-Situation" befinden: Ohne Kurswechsel steuert das Stahlmonster auf Eisberge zu, die unser Schiff - die Zivilisation der Menschheit - zum Sinken bringen können. - Wir müssen daher bewusst den Kurs ändern und neu gestalten: "Segel setzen" für eine neue Richtung.
Es gibt keine Entschuldigung mehr, sich nicht mit dem Planeten, den wir "unsere Welt" nennen - mit aller Intensität auseinanderzusetzen. Im Gegenteil, alle, denen an der Zukunft liegt, sollen sich mit den neuen Herausforderungen des begonnenen XXI. Jahrhunderts grundlegend - und nicht nur biederlich angepasst und kosmetisch - beschäftigen.
Die in den letzten Jahren sich häufenden krisenhaften Ereignisse überall auf der Welt machen dies augenfällig: So
+ sterben täglich über 40.000 Menschen - davon die Hälfte Kinder - an den Folgen von Hunger;
+ werden täglich zigtausende Menschen vertrieben, viele kommen zu Tode,
+ erzwingt die Ausplünderung unserer Erdressourcen immer häufigere und intensivere ökologische Desaster und Katastrophen (Hochwasser, Sturm etc.)
+ geraten immer mehr Staaten in Geiselhaft des "Weltfinanzsystems und ihrer großen Spieler" (jüngst Argentinien),
+ führen wachsende soziale Ungleichgewichte immer häufiger zu kriegerischen Auseinandersetzungen und den uns alle bedrängendem Terrorismus.
Kurz, die Asymmetrien nehmen weltweit ungeahnte Ausmaße an. Und all dies findet durch die arrogante Ignoranz und die Interessensteuerung der Machtträger im reichen Norden nur verzerrt und selektiv (oder oft gar nicht) Eingang in die Medien und damit ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Die Mediendemokratie droht in eine Sackgasse zu geraten.
Wir sagen daher: Kein intelligenter und ehrlicher Mensch kann in Würde weiterleben, ohne gegen dieses desaströse System mit aller demokratischer Kraft anzukämpfen.
In dieser historischen Auseinandersetzung, wo es wahrscheinlich vor allem um die Gestaltung einer post-kapitalistische Ära gehen wird, geht ESD davon aus, das die sinnvollste und beste Ausgangsposition dafür eine "politische Kultur der Ausgewogenheit" ist und bleibt: ESD geht daher - obwohl lernend weltoffen und flexibel - von einer Kultur aus, die unseres Erachtens das Beste der europäischen Traditionen vereint, nämlich in Prozess und Inhalt die Suche nach einer jeweils zeitgemässen Balance zwischen:
+ Personalitätsprinzip und Gemeinwohlorientierung,
+ Solidarität und Subsidiarität,
+ lokaler Traditionspflege und kosmopolitischer Einstellung,
+ Werte-Orientierung und technologischer Innovation,
+ materieller und immaterieller/spiritueller Dimension.
Alle diese Dimensionen sollen in jeweils ausgewogener und ausbalancierter Form zum Tragen kommen ( - und sich so gegen individualisierenden Narzissmus in seinen vielen Formen ebenso verwehren wie gegen einen kollektivistischen Totalitarismus in welch neuer Verkleidung auch immer).
ZEHN FORDERUNGEN AN DIE "ZUKUNFTSPOLITIK"
Inhaltlich sieht ESD am Beginn des XXI. Jahrhunderts die Richtung der notwendigen WENDE des "Welt-Systems" in den folgenden zehn Punkten, die wir hiermit gänzlich undogmatisch zur Diskussion stellen; die Zukunftsarbeit soll sofort beginnen, aber wird immer "Work in Progress" bleiben; es gibt keine endgültigen Lösungen.
1.Viele bereits weit überdehnte Paradigmen der Nachkriegszeit
+ Wachstum bis zur Hybris,
+ Fixierung auf Fortschritt,
+ Wohlstand als Verschwendungspotenz,
+ Erfolg als individuelle Karrieresucht und Prestigekonsum etc.,
haben sich in Anbetracht dieser globalen Situation überlebt. Sie sind unserer globalen Herausforderung spätestens seit einem Vierteljahrhundert, aber ganz offensichtlich und allerspätestens seit der Jahrhundertwende unangemessen; diese Paradigmen sind nun ahistorisch und daher destruktiv geworden.
Gehen wir diesen Problemen nur ein wenig auf den Grund, so erkennen wir die Notwendigkeit eines neuen großen Leitbildes: Es wird unseres Erachtens eindeutig das Leitbild einer NACHHALTIGEN ENTWICKLUNG (NE) sein. Dieses könnte das Scharnier werden über das wir eine "für alles Leben werte Zukunft (das Prinzip der MITGESCHÖPFLICHKEIT verwirklichend)" gestalten können. Aus ganzheitlicher Sicht wollen wir dieses Bild, dieses Leitbild, durch folgende vier große allgemein kulturelle "Leitlinien" skizzieren. Leitlinien, die für alle Bereiche zukünftiger Politik gelten können (und durch entsprechende Konzepte in den Sektoren der Gesamtkultur - also insbesondere im Sozialwesen, im Wirtschaftsbereich und im nach- und aufholenden Umweltschutz - umgesetzt werden müssen):
+ Die erste Leitlinie will VERFEINERUNG - statt Expansion - festmachen, (das bedeutet z.B. mehr Einfachheit statt jede Art von Hochrüstung, mehr Bewusstsein statt Wissen, ja mehr Schönheit statt Quantität uäm.).
+ Die zweite Leitlinie will ERDUNG - statt Raubbau - einbringen (das bedeutet z.B. "mit" der Erde als aller Lebensgrundlage statt gegen sie sein, sie pflegen statt ausbeuten, ihr eine Stimme geben, sie in Entscheidungen einbinden statt über sie bestimmen).
+ Die dritte Leitlinie will GLOBALSOLIDARITÄT" - statt Unterdrückungsmechanismen - festmachen (das bedeutet z.B. es sollen "alle wohl bestehen können" statt mit subtiler oder blanker Unterjochung durch Waffen- oder Marktmacht eingezwängt werden,
es soll sich eine "Kultur des globalen Wohlwollens" entwickeln können statt jeder für sich und gegen alle, und es soll so endlich die Annäherung an den Traum von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit in die neue Globalära übersetzt werden).
+ Die vierte Leitlinie will AKTIVVERANTWORTUNG - statt kosmetischer Anpassung - von jedem Weltbürger einfordern (das bedeutet z.B. persönliches Eintreten für alles Leben statt hunderterlei Verdrängungen, dem Ideal der Gerechtigkeit aktiv suchend näherkommen statt sich in zynischer Apathie und Ohnmachtsspielen üben, bewusstes Mittun statt abwartendes Abseitsstehen).
2.Eine ZUKUNFTSPOLITIK, die diese ganz allgemeinen - aber eine neue Ära fordernden - Leitlinien voranstellt, muss zentral unsere Wirtschaftsdynamik durch klare global akkordierte Rahmengebungen gestalten (- mit einem neuen WELTGESELLSCHAFTSVERTRAG, der Bretton Woods weit hinter sich lässt).
Dazu gehört zunächst die Entwicklung einer neuen global ausgerichteten Wirtschaftsverfassung, die vom monetaristischen Neoliberalismus weg zu einer Art "öko-sozialer Ressourcenwirtschaft" hinführt. Diese zukünftige neue Wirtschaftsverfassung beinhaltet insbesondere:
2.1. Die stufenweise Einführung einer absoluten Ressourcenbegrenzung (man denke an H. DALY's Konzept von "Scale" - und die operationale "Plimsoll-Line", die die äußerste Ladefähigkeit eines Schiffes, hier des Raumschiffes ERDE, angibt): Der gemessene "ökologische Fußabdruck" der Menschheit verbraucht derzeit bereits - für viele wichtige Lebensgrundlagen - die Ressourcen von etwa eineinhalb Planeten; de facto weggenommen den Folgegenerationen, und zwar sowohl bzgl. der Quellen (Energie und Materialentnahmen aus dem Naturkreislauf) als auch bzgl. der Senken (Deponierung und Absorbierung von Abfall, insbes. CO2). Durch eine solche strikte Vorgabe der dem Markt zur Verfügung stehenden Gesamt-Ressourcenmenge werden die Unternehmen automatisch veranlasst, die notwendigen Umstellungen technologisch und organisatorisch durchzuführen. Auch Ressourcensparsamkeit im Konsum macht sich dann - endlich bezahlt (etwa auch über ein individuelles Zertifikatssystem handelbar, sowohl in Konsumenten als auch in Unternehmerhänden gut denkbar; vgl. H.P. AUBAUER, F. HINTERBERGER u.a.). - Diese Ressourcenbegrenzung ist eine der wichtigsten notwendigen Umbaumaßnahmen an der globalen anthropogenen Grobstruktur unseres "Systems".
2.2. Nachhaltigkeitsfördernde Rahmensetzung für alle Wirtschaftsbereiche bei transparenter Kontrolle durch demokratische - und damit auch verbändemäßige und zivilgesellschaftliche - Institutionen. Dies sieht eine in etwa gleichgewichtige Dreiteilung vor: Neben der
+ "marktrendite-orientierten freien Unternehmenswirtschaft" (Sicherung einer flexiblen Angebotsreaktion auf die Vielfalt der Nachfragesituation) stehen gleichgewichtig
+ "Unternehmen mit besonderen Auflagen1" (wo Vielfalt mit Sicherung gepaart werden muss) und
+ gemeinwohl-orientierten Körperschaften der öffentl. Hand (die Sicherung der direkten Gemeinwohlaufgaben liegt seiner Natur nach beim Gemeinwesen) gegenüber.
2.3. Besondere Förderungen für Umstellungsprozesse in Richtung NE, vor allem auf erneuerbare Energien und umweltschonende Verkehrs- und Handelsformen (was ja schon durch die Ressourcenkontingentierung grundgelegt ist): Dabei ist eine Feinsteuerung durch Initiierung besonderer NE-Prozesse mit regional verschiedenen Akzenten (Agenda 21, Partizipationsformen etc.) einsetzbar.
+ Weiters, Steuern auf "Globalgüter"/"Global Commons" (vor allem bzgl. der Nutzung der Ozeane und der Atmosphäre) und
+ auf alle Finanztransaktionen (über die Tobin-Tax hinaus); sowie
+ einheitliche Vermögenssteuern; Schließung aller Steueroasen uäm..
2.4. Reform des Weltfinanzsystems, vor allem des Geld- und Zinswesen und des Währungswesens: Es ist letztlich destruktiv, dass Geldvermögen - ab über einem gewissen "Bürgerlimit", wo Konsumsparen noch individuell spürbar wird - praktisch leistungslos und exponentiell anwachsen kann. Damit eine sich stetig vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich geschaffen, die allgemein destabilisierend wirkt. Die Zukunft könnte daher in Richtung eines "umlaufgesicherten (zinsgedämpften), stabilisierten Geldsystems", und mit einer Verschachtelung von Weltwährung, Staatswährungen und LETS/Local Exchange Trade Systems (vgl. H. CREUTZ, B.A.LIETAER u.a.) gehen. - Dieser wohl heikelste (weil Vermögensbestände berührende) und komplexeste Bereich erfordert eine konsequente Kommissionsarbeit der Besten: eine Art "Brundlandt II - Kommission" speziell dazu. Vorarbeiten für einen Weltgesellschaftsvertrag, die am besten im Auftrag der UNO stattfinden sollten, sind eigentlich schon längst überfällig, bedenkt man die Gefahren der derzeitigen kasinoartigen Finanzmärkte.
2.5. Stufenweise Steuer"ent"lastung der Arbeit und Steuer"be"lastung der Ressourcennutzung, was einen weltweiten Entwicklungsschub - mit vermehrten Arbeitschancen für alle - herbeiführen hilft. Aber nach einem Paradigmenwechsel vom Arbeitsfetischismus zu vertiefter Lebensqualität ist das Hetzen nach und auf Arbeit sowieso nicht mehr gefragt, - in einer sich ruhiger weiter-"ent"-wickelnden statt wachstumsgetriebenen Gesellschaft - wofür allerdings eine grundlegende Finanzsystemreform Voraussetzung ist - wird "Sein" (Da-sein, So-sein, Dabei-sein, Mit-sein etc.) den zentralen Platz einnehmen.
3.Im sozialen Feld ist eine Reform und Weiterentwicklung der Gesellschafts- und Bürgerpolitik nötig. Dabei wird insbesondere:
+ dem Rechtssystem zugrundeliegende Begriff des Eigentums an Langfristgütern einen Wandel erfahren müssen: Eigentum wird in Zukunft mehr als "Treuhandschaft" - was z.B. den Dorfgemeinschaften in allen Kulturen schon immer eine Selbstverständlichkeit war - denn als Beliebigkeitsverfügung (möglichst anonym) aufzufassen sein; zu groß ist die Verantwortung schon geworden.
Dabei ist keine Frage, das grundsätzlich die ökosozial unbedenklichen Institutionen der Vertragsfreiheit, der Marktoffenheit, des Privateigentums etc. unangetastet, ja weiterentwickelt werden, - allerdings in den Grenzen, die echte und starke Nachhaltigkeit erfordern2.
+ Weiters wird ein mehrjähriger Bürgerdienst (als Sozial-, Katastrophen- Entwicklungszusammenarbeits- und (defensiver, u.U. nur sozialer) Verteidigungsdienst), von jedem Menschen als ein angemessener persönlichen Gemeinwohlbeitrag eingefordert werden. Aber damit wird diesem "Bürger" dann auch eine lebenslange Grundsicherung (ein tragbares Mindestauskommen) seitens der Gemeinschaft gegeben werden können. Dieses bedeutet nicht nur eine solidarische Durchmischung der gesamten jeweiligen - etwa nach wie vor nationalstaatlich eingefassten - Bevölkerungen - in der Jugendzeit, sondern zudem wirtschaftlich, dass auch der enorme Druck - jeder müsse permanent einen Arbeitsplatz haben, und - sinnvoll oder nicht - sich im "Erwerbszirkus" beschäftigen (z.B. immer stärkeres öko-raubbauende Reboundeffekte erzeugend, selbst bei funktional immer effizienteren Gütern), um ein akzeptierter Bürger zu sein - grundsätzlich kein Thema mehr ist.
4.Das Nord-Süd-Verhältnis wird das umfangreichste und differenzierteste Kapitel des zukünftigen Weltgesellschaftsvertrages werden:
Unseres Erachtens wird - wenn sanfte Regulierungen Platz greifen sollen - im N-S-Verhältnis zunächst der reichere Norden in einer Art "Marshall-Plan der Weltentwicklung" dem ärmeren Süden sowohl einen Großteil
+ einer garantierten Alterspension in Form von N-S Co-Arrangements (wie es in etwa auch die EU durch Co-Finanzierungen mit den Kandidatenstaaten als "Gegenleistung" für die Übernahme von Standards praktiziert (vgl. F.J. RADERMACHER) - als "Gegenleistung" für eine geordnete Familienplanung (mit 1 max. 2 Kindern), als auch
+ einen wirklich massiven Bildungsschub im S als "Gegenleistung" für eine geordnete Migration finanzieren müssen.
5.Weiters wird ein Naturerhaltungs - und -wiederherstellungsplan, bestehend insbes. aus
+ einer Atmosphären-Regenerierung (Klima!),
+ einer Flora (Wald) und Fauna (Biodiversität) -Regenerierung, und
+ einer Süßwasser- und Ozean-Regenerierung
in einer Art "Marshallplan der Naturerhaltung" weltweit durchzusetzen sein. Das wird eine ausreichend machtgestützte, demokratisch legitimierte "Welt-Regierbarkeit"(Echte Global Governance auf der Basis und in Umsetzung des Weltgesellschaftsvertrag) erfordern.
6.Welt-Regierbarkeit (Global Governance): Diese kann unseres Erachtens nur mit einer erheblich ausgebauten und gestärkten UNO als Ausgangsbasis einer Welt-Föderation3 ausgebaut werden. Dieser Ausbau kann, wie es jetzt z.B. der Weltsicherheitsrat manifestiert, natürlich nicht blind gegenüber wirtschaftlichen und sonstigen Machtgewichten sein. Unter dem Druck einer alle betreffenden Global-Herausforderung und in einer Kultur der Ausgewogenheit und des Wohlwollens werden sich jedoch angemessene Lösungen finden lassen. Der Druck, solche Lösungen auch bald und konkret zu finden, wird mit jedem Jahr steigen, denn die Herausforderung ist bereits da und sie ist bereits überall spürbar, denn es gibt keinen Winkel auf dem Planeten, wo man sich - auch für viel Geld - vor den Folgen von Klimaänderungen, sozialer Degradationsfolgen oder wütendem Terror u.ä. verstecken kann.
Jede Welt-Regierbarkeit als "Welt-Solidarität" erfordert aber gleichzeitig die grundlegende Verankerung und besondere Förderung von global wirksamer Subsidiarität, und damit der weitestmöglichen Selbstorganisation und -regulation von Kulturen, Regionen und Gemeinden, die nicht nur ihre eigenen Wirtschaftskreisläufe sondern auch ihre lokalen Traditionen und Identitäten (Soziodiversität) bewahren, ja ausbauen sollen.
7.Die oben angedeuteten Entwicklungen (Sanierung und Weiterbildung) von Bio- und Soziosphäre, d.h. von dauerhafter ökologischer Tragfähigkeit und möglicher sozialer Gerechtigkeit, muss jedoch gleichzeitig und "in einem Guss" (ÖKO-SOZIAL) geschehen; denn es ist weder Zeit noch Raum für ein Nacheinander: Sollte der S zuerst konsummäßig nachziehen, könnte die planetar begrenzte Biosphäre kollabieren; sollte man zuerst nur die Biosphäre sanieren ohne auf die soziale Entwicklung zu achten, könnte der S den N durch Migrationsdruck und Terrordrohung oder anders in einen lebensqualitätslosen Belagerungs- und Infiltrationszustand versetzen, also die Soziosphäre degradieren.
8.Bei allen diesen Entwicklungsschritten ist aber die in etlichen Ländern bereits - mehr oder weniger - erreichte "offene Gesellschaft" mit Menschenrechten und Rechtsstaat, mit Freiräumen für Spiritualität und Lebensstil, Kunst und Wissenschaft usw. zu erhalten, ja zu festigen und auszubauen (Information, Partizipation, Medienqualität, Toleranz, Engagementfreiheit etc.).
9.Gewalt als Mittel der Konfliktlösung ist überholt, nicht nur aus ethischen Gründen, sondern weil
+ Krieg historisch "unsiegbar" (es gibt keine Garantie gegen eine Eskalation ins Nukleare) geworden ist; und weil
+ tätliche Gewalt im Nahkontakt der Krisen- und Konfliktherde nur Eskalation hervorruft, bei der kein "Endsieg" mehr möglich ist (es gibt keine Garantie gegen immer wiederkehrenden Terror und Selbstmordattentäter). -
Daher ist heute vor allem eine
+ "Präventive Milieupflege und -verbesserung" allerorten (breite gemeinsame Zukunftsarbeit/-planung, vertrauensbildende Maßnahmen, Kultur- und Jugendaustauschprogramme, Weltstrafgerichtshof, vergangenheitsaufarbeitende "Bekenntniskommissionen", wie in Südafrika und Südamerika), und
+ im Akutfall ein immer höher entwickeltes Krisen- und Konfliktmanagement (Ausbau der Blauhelm-Tradition, ja ein gewisser Feuerwehr-Automatismus zur Gewalteindämmung ex nuce) das Gebot der Stunde.
10.Offener Punkt, denn die neuen Konzepte des XXI. Jhts. sind selbst auch permanente Lernprozesse und immer unfertig. Ergänzungen, Hinweise etc. sind also bei ESD willkommen4.
EPILOG
Alle oben genannten Programme - UNO-Ausbau und breite Friedensoperationen, Welt-Natur-Marshall-Plan und auch das "globale Bildungs- und Sozialversicherungs-Programm" liegen nach ersten Schätzungen kostenmäßig insgesamt bei etwa 4-5% des BSP der 1.Welt (das im Jahre 2000 ca. 28.000 Milliarden $ ausmachte; also fast 80 % des Welt-BSP von ca. 35.000 Milliarden $), - und damit etwa in der Größenordnung der jährlichen Rüstungsausgaben aller Staaten. Letztere haben den Großteil ihrer Funktion verloren und werden - sofern wir uns nicht auf ein hegemoniales Sicherheitsregime zu bewegen, was aber die Wachheit der Bürger und die Medien verhindern können - schrumpfen (wodurch wenigsten die Hälfte dieser Ausgaben, d.h. 2,5% des Welt-BSP, bald umgeschichtet werden könnten).
Die Ausgaben der "Weltinnenpolitik" des XXI. Jhts. - wozu ja alle die vorgenannten Programme gehören - werden jedoch notwendiger- und sinnvollerweise wachsen. Dazu wird primär der reichere Norden Substantielles (also etwa die restlichen 2,5% über Globalsteuern u.ä.) beisteuern müssen um eine relativ stabile Entwicklung selbst weiter überhaupt genießen zu können ( - und das mag für viele Besitzbürger schwerer wiegen als das humanitär-altruistische Argument).
Die negative Alternative wäre ein Kollaps in der Biosphäre einerseits, und eine permanent unsicherer und instabiler werdende Welt durch unkontrollierbar wachsende Verlierer-Aggressionen andererseits: Beides will niemand, auch die größten Egomanen nicht. Bleibt die Gefahr des Hochwiegelns von fundamentalistischen Strömungen und verblendeten Fundamentalisten aller Schattierungen und aller Provenienz: Wenn aber die Medien und ihre Macher 200 Jahren nach der französischen Revolution nicht in der Lage sind, diese zu enttarnen und allgemein verständlich zu entlarven, wäre das zu traurig und zu dumm; dies soll und kann verhindert werden.
"Lernen durch Katastrophen" (etwa nach einem "Titanic-Prinzip"), wie etwa durch Verteilungskriege oder durch Verschwendung provozierte Naturschläge, ist ein Luxus der Geschichte geworden, den sich unsere Art nicht mehr leisten kann, und die Mehrheit sich auch nicht mehr leisten will: Jeder gäbe gern seine 5% für eine sichere Zukunft, - aber viele fürchten, "das System" nimmt manchen 80% und anderen 0%. Daher ist primär "das System" (d.h. der Rahmen, die Institutionen, die Muster, die unser Leben in Schienen legen) - wie oben in den neun Punkten anskizziert - zu ändern.
Was wir - ESD und viele NGOs - mit aller Kraft anstreben, ist eine Wende durch "Globale Intelligenz", verstanden als "Intelligenz des Kopfes und des Herzens". - Im Prozess dieser nun anstehenden Wende des Gesamtsystems ist daher auch kein "jakobinisch-faschistoider" Weg mehr tauglich, weil jede Steigerung der allgemeinen Angst voreinander nur ein mentales und technisches Einbunkern und Paranoid-Machen aller, und vor allem der politischen Gegenspieler, bringen würde. Historisch sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir aus Notwendigkeit die Menschheit, ja alles Geschöpfliche, als große Ganzheit5 begreifen müssen und können. - Besitzgier, Prestigesucht, Verschwendung und Angst sind Anteile in allen Menschen, ebenso wie Edelmut, Zivilcourage, Freundlichkeit und Gerechtigkeitssinn. Daher müssen wir alle uns diese Anteile als Eigenantriebe und Fremdprojektionen begreiflich machen, und dies gemeinsam - in allen sozialen Kreisen bis zu den globalen Medien - bewusst "durcharbeiten", anstatt seitens der gerade Ohnmächtigen die Mächtigen, und seitens der gerade Gewinnenden die gerade Verlierenden "schuldig zu reden".
Wir sollten - wie Arnold MINDELL deutlich gemacht hat - vielmehr versuchen diese "Mentalverschmutzung", durch unablässige möglichst tiefgreifende und ehrliche Information, Diskussion und andere Einsichtswege "aufzulösen", - wie lästige Flecken. Durch gelungene Formen der Sympathiegewinnung kann andererseits die Zahl der "Zukunftsverantwortlichen" stetig erhöht werden. So können schließlich Destruktionskeime neutralisiert, ja umgepolt werden. - Blanke Unwissenheit, sture Ignoranz und besitzlastige Arroganz sind dabei die echten Hauptprobleme in unserer Kommunikationsgesellschaft. Heute müssen wir diese bewusst, gezielt und phantasievoll die Aufmerksamkeit einfangend (Greenpeace-Versteh-Attraktionen auf allen Ebenen) "überwinden", - und zwar aus Überlebenswillen und nicht nur aus moralischem Gutdünken (und dabei reicht es auch nicht, wenn eine Wissenselite sich die neuesten Informationen kassandrahaft permanent zuschiebt).
Ein globales Bewusstsein der "Mitgeschöpflichkeit" ist dazu keine heroische Sonderleistung einzelner "Menschheitslehrer - oder Meister" mehr, sondern das allgemeine Erfordernis für einen unblutigen Weg in die nächste Epoche für alle tragenden Schichten aller Kulturen. Ein Gesellschaftssystem kann - wie die UdSSR mit Gorbatschow gezeigt hat - durch mutige Schritte tatkräftiger Intelligenz den Kipp-Punkt in eine nächste Stufe, in eine ECHTE NACHHALTIGE ENTWICKLUNG (als Dauerlebensfähigkeit und aktive Generationsverantwortung) erreichen, - auch wenn es in den Entscheidungsjahren nicht ganz ohne Reibung und Schrammen abgehen sollte.
Kurz, jede Epoche muss "ihre" zentralen Herausforderungen erkennen und dazu passende neue strategische Antworten finden. Unsere neue Epoche ist mit der Jahrhundertwende definitiv angebrochen. Wir können sie bewusst lernend gestalten. Das bedeutet natürlich Änderungen vieler "alter" Grob- und Feinstrukturen. - So ist das beste aller Jahrhunderte immer noch möglich!
Fußnoten:
1) Dazu ist in etwa folgende Bereichsgliederung und Trägerschaft anskizzierbar, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf volldurchdachte Ausgewogenheit erhebt (Mag den Freier-Markt-Enthusiasten, die vor allem die organisatorische Effizienz in den öffentlichen Gesellschaften im Argen wähnen, und die an die Allokationskraft der unsichtbaren Hand blind vertrauen - in diesem Konzept zuwenig "freies Unternehmertum" vorgesehen sein, so muss in Abwägung aller Vor- und Nachteile (eine übermächtige Wirtschaft: führt die Politik am Gängelband) doch die Balance schon im Ansatz der Gewichte gegeben sein. Auch wenn dann alle Güter und Dienstleistungen nicht gar so flott auf den Markt kommen (Entschleunigung wird ja sowieso immer notwendiger), sind die Gefahren der kurzfristigen Renditedynamik, der auch dann der ethisch noch so bemühte Manager ausgeliefert ist, weit höher, - als ein wenig Behäbigkeit, Interventionitis und was die Imponderabilien überall sein mögen. Diese "Beschwerden" kann man relativ gut durch Transparenz, Kontrolle und angemessene Demokratiestrukturen beheben, - die "Krankheitskeime des ungehemmten Globalmarktes jedoch können tödliche Viren - Öko-Raubbau bis zur Globalverkarstung und Sozialausbeutung bis zur Implosion etc. - beinhalten):
2) Also eingesäumt von Leitplanken, die eine wirksame Reduktion der Ressourcenströme (Energie, Material, Transportwege etc.), die Entschleunigung, Entkommerzialisierung von Lebensgrundlagen, Entrümpelung von stoffintensiver Bedürfnisbefriedigung und Entflechtung von monetären Machtballungen (vgl. W. SACHS u. F. HINTERBERGER) usw. erwirken. Dabei werden - wo immer möglich - vorrangig marktkonforme Steuerungsinstrumente eingesetzt, aber natürlich auch strikte Vorgaben und neue Instrumente, wo für das Gemeinwohl nötig. Zukunftsfähigkeit ist das entscheidende Kriterium, - nicht etwa die Status-quo-Einbetonierung, oder gar die Vorlieben einer noch so renommierten Ökonomieschule (Chicago mit FRIEDMAN etc., die Österreichische mit VON HAYEK etc.), die sich übrigens alle in der Vorstellungswelt der unmittelbaren Nachkriegszeit bewegen, und daher unseres Erachtens schon deshalb längst ahistorische Relikte geworden sind..
3) Es ist unseres Erachtens kurzsichtig, sich als Nostalgie-Fanatiker oder "Humanist" gegen jede Form von Welt-Autorität zu stemmen, von einer quasi-autonomen Kantonisierung gerade des eigenen Fleckens Erde zu träumen, und daher neue notwendige globale Ordnungsstrukturen - gerade von Intellektuellenseite her - zu blockieren; damit wird nur eine rein militär- und wirtschaftsmachtmäßige Hegemonialstruktur (vgl. E. MATZNER und W.D. NARR u.a.) verlängert bzw. gefördert.
4) Mail: esd.rauch@aon.at
5) So sind zwar z.B. die USA nun die Hauptträger des gegenwärtigen Systems - so wie die Franzosen des Absolutismus und die Spanier der Gegenreformation es waren, - aber wir müssen aufhören diese Hauptträger des Systems als Flächen für unser aller Schuldprojektionen zu verwenden, womit dann Hasspolitik gemacht werden kann.
c ESD / IfS: isbn 3-900791-20-1
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