Vor zwanzig Jahren ließ die Linke verlauten: Stell' dir vor es ist Krieg und keiner geht hin!
Heute sieht das schon anders aus. Da heißt es schon mal: Stell' dir vor es ist Krieg und du merkst es nicht!
Während eine menschenverachtende Politik, die auf den beeindruckenden Namen Globalisierung getauft wurde, dafür sorgt, dass Armut, Folter, Krieg, Umweltzerstörung und Entmündigung zu des Menschen größtem "Gut" gedeiht, stellt sich die Frage des Widerstands fast zwangsläufig.
Gehen wir also mal von einer Person aus, die den Willen zum Widerstand bis dato nur dann empfunden hat, wenn der Wecker morgens um sechs geklingelt hat. Diese Person bemerkt nun plötzlich, dass die Welt in ihrer Existenz gefährdet ist.
"Der Existenzverlust der Welt hat natürlich auch meinen Existenzverlust zur Folge", denkt sich die endlich egoistisch gewordene Person. Was aber kann diese Person nun tun? Wirklich wichtig scheint erst einmal, Schuldige zu finden. Denn die Person, überzeugt davon, schon immer "gut" - im Sinne von nicht "böse" - gewesen zu sein, muss die Möglichkeit haben, die wachsende Angst vor der Gefährdung der Welt auf ein Ziel zu fixieren. Natürlich denkt die Person nicht einmal daran, sich selber als das "Böse" in Frage zu stellen. Denn die Person hat nie gelernt, selbstbestimmt zu leben, geschweige denn das eigene Schicksal als selbstgemachtes Schicksal anzunehmen. Immer waren andere Schuld, wenn das "gute" Leben der Person schlechter wurde. Denn immer war die Person bestimmten Vorgaben gefolgt. Sie wusste, was sie durfte und was sie nicht durfte. Und das Leben gefiel der Person mit all den von anderen Personen gemachten Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen. Und wenn die Person einmal "böse" war auf eine bestimmte Regelung oder Vorschrift oder Moralvorstellung, weil diese dem eigenen Leben entgegenstand, dann schimpfte die Person gar bitterlich über die "bösen", "bösen" Personen, die diese Vorschriften oder Regelungen oder Moralvorstellungen getroffen hatten.
Und hatte die Person einmal richtig geschimpft, war das Leben auch wieder "gut". Die Person fühlte sich gar sicher und heimelig wohl in all den Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen. Und hätte sie selber jemals diese Vorschriften oder Regelungen oder gar Moralvorstellungen nicht geachtet, sie wäre im Boden versunken vor Scham. Denn eines war in der gefährdeten Welt der Person das größte Gebot: Stelle niemals dich selber in Frage, suche niemals die Schuld bei dir. Denn die Konsequenz daraus wäre ein selbstbestimmendes Leben gewesen. Aber die Person wollte kein selbstbestimmtes Leben, es liebte ihr Dasein mit den Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen, das sich so wohlig und sicher anfühlte.
Der Leser wird sich vorstellen können wie schrecklich die Person litt an der Tatsache, dass die bisher so sicher geglaubte und "gute" Welt plötzlich in Auflösung begriffen war. Doch die Person hatte keine Wahl. Sie musste sich neue Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen "besorgen", von neuen Personen, die ihr sagten, was "gut" und was "böse" ist.
Da traf sie eines Tages auf eine Person, die sich sozialistisch nannte.
Natürlich hatte die unsichere, suchende Person keinen Schimmer, was das Wort sozialistisch bedeutet, aber die sozialistische Person rief dauernd: "Ich bin antifaschistisch und 'gut'. Die 'Bösen' sind die Bürgerlichen und die Neofaschisten und die Neoliberalen und überhaupt alle, die nicht sozialistisch sind. Raus mit den Faschisten. Kein Rederecht für Faschisten. Gegen Globalisierung. Menschenrechte für alle Menschen, außer den nicht-sozialistischen."
Die suchende Person war beeindruckt. Diese Sozialisten schienen wirklich "gut" zu sein und zu wissen wie neue Vorschriften und Regelungen und vor allem neue Moralvorstellungen gemacht werden.
Doch am anderen Tag traf die suchende Person eine hübsche Frau, die sich Faschistin nannte. Die schrie: "Raus mit den Ausländern - Null-Land den Nullen. Kämpft gegen den jüdischen Imperialismus. Wir sind stolz Nullen zu sein." Die suchende Person fand Gefallen an dem Gedanken, endlich so richtig stolz sein zu dürfen auf das Dasein als Null. Denn wenn die Faschisten sagten, das Nullsein sei "gut", dann hätte die suchende Person endlich wieder ein sicheres Zuhause mit klaren Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen.
Die suchende Person dachte noch über das Erlebte nach, da fuhr ein tolles Auto vorbei auf dem stand "Guidomobil" geschrieben. Und aus diesem lustigen "Guidomobil" strahlte und lachte ein lustiger Guido heraus und schrie: "18 Prozent, 18 Prozent und ich werde Kanzler für euch Suchenden. Ich mache euer Leben besser und ihr werdet glücklich sein und ich bin gegen die Faschisten und Sozialisten und für den Liberalismus. Spaß, habt Spaß, seid nicht so verkniffen. Armut, Folter, Krieg die Liberalen verdienen den Sieg."
Da lachte die suchende Person über so viel Spaß und Gaudi und Guido. Aber nach der Freude wurde sie wieder nachdenklich und war sich noch unsicherer, wer denn nun "gut" und wer "böse" war. Denn eines war für die suchende Person völlig klar: einer von denen musste "gut" sein. Demnach musste es auch die "Bösen" geben. Die "Guten", so wusste sie, waren immer in der Mehrheit. Damals als der kleine Mann mit dem kuriosen Schnauzer für Recht und Ordnung gesorgt hatte (das hatte der Großvater der Person immer gesagt), waren sich auch alle Suchenden einig, die Juden auszurotten. Die "Bösen" waren eben die Juden. Und dann war daraus aber nichts geworden und plötzlich waren die Juden die "Guten" und die Nullen die "Bösen". Und die Amerikaner hatten den für die Nullen "Bösen" aber für den Rest der Welt "Guten" geholfen. Also erkannten plötzlich alle Nullen, dass die Amerikaner und Engländer und Russen die "Guten" waren. Aber dann sagten die Amerikaner, die Russen seien auch nicht "gut". Deshalb waren plötzlich die Russen für die Nullen doppelt "böse", weil sie ja vorher schon "böse" waren.
Die suchende Person stöhnte. Es war ein schwieriges Unterfangen die Suche nach "Gut" und "Böse". Doch schon im selben Moment kam der Sozialist vom Vortag über die Straße und und rief: "Wir haben alle Faschisten ausgerottet. Die haben endlich ihre Endlösung bekommen. Du musst nicht mehr suchen. Du nennst dich ab jetzt Sozialist. Wenn nicht, rotten wir dich auch aus."
Auf der einen Seite war der Suchende ja beruhigt endlich wieder diese Sicherheit mit all den Vorschruiften und Regelungen und Moralvorstellungen zu haben. Aber war dieser Sozialismus wirklich "gut"? Mussten andere ausgerottet werden, um das "Gute" zum Leben zu erwecken? Der nicht mehr suchende, artige Neo-Sozialist richtete sich nun langsam wieder ein in der neuen, sozialistischen Welt, in der andere Meinungen gegen alle Vorschriften und Regelungen und Moralvorstellungen verstießen.
Und als er sich so einrichtete, Vorschriften auswendig lernte, Regelungen einübte und moralisches Entsetzen bei Nennung bestimmter Worte übte (z.b. Hitler oder Haider oder rechte Gewalt oder Judensau oder Liebe) wurde sie dieses komische Gefühl nicht los. Ein unsicheres Gefühl. Ein Gefühl als ob die Entscheidung keine Entscheidung war, sondern wieder so etwas wie die Welt aus der sie geflohen war. Auch nach Tagen und Wochen verschwand dieses eigenartige Gefühl nicht.
Suchte die Person etwa immer noch? Sie würde sich dieses Denken nicht anmerken lassen dürfen. Die Neo-Sozialisten wären moralisch erschüttert und würden sie möglicherweise einsperren, wenn nicht schlimmeres. Da war sie wieder die Angst. Der Ausgangspunkt ihres Widerstands.
Sozialismus, Leninismus, Liberalismus, Faschismus, Marxismus, Kapitalismus, Imperialismus. Die Person fühlte sich nicht zuhause. Sie war mit dem Neo-Sozialismus nicht zufriedener oder sicherer geworden. "Was mache ich falsch?", dachte die Person und wunderte sich über diesen Gedanken.
Vor kurzem noch hätte die Person nach der Schuld nicht bei sich gesucht. Und in diesem Moment wurde ihr klar, was sie wollte und nicht was sie nicht wollte. Sie würde sich in keiner Partei zu Hause fühlen.
Parteien schienen zu existieren, um Schuldige zu finden, um eigene Fehler zu kaschieren, um Geld zu verdienen, Macht zu erringen, Andersdenkende zu Schuldigen zu machen.
"Ich suche Menschen", dachte die Person, "Menschen, die kein Amt, keine
Position, keinen Ruf zu verlieren haben - ich suche Menschen, die sich frei äußern können, die anderen die Möglichkeit offen lassen, eine andere Meinung zu vertreten."
Die Person ekelte sich plötzlich bei dem Gedanken an Verbote, Vorschriften, Regelungen und Moralvorstellungen.
Sie dachte an Sozialismus und ekelte sich vor dieser penetranten Art von Pseudo-Gutmenschen. Dieses "wir sind für Gerechtigkeit, deshalb müssen wir Faschisten erschlagen"-Gerede.
Sie ekelte sich vor dem Faschismus, der alles, was anders ist, totschlägt, um die kranke Angst vor der Liebe zu verstecken.
Liberalismus, der Brechreiz wurde stärker.
Kommunismus, der Magen zog sich zusammen.
Imperialismus, die Person erbrach auf einem Parteiprogramm der Grünen.
"Ich werde Menschen suchen", dachte die Person, "ich werde nach Menschen suchen, die in der Lage sind, sich selber in Frage zu stellen."
Da kam ein alter, weiser Mann vorbei und sagte zu der Person:" Hey, du Mensch! Dein Unterfangen ist sinnlos. Glaubst du wirklich, jemand würde sich, seine Partei oder Organisation in Frage stellen?" Wer das kann, der braucht keine Parteien, Staaten, Organisationen, Religionen, Götter oder andere Prothesen."
"Also gibt es diese Menschen nicht", sagte die Person enttäuscht.
"Doch", erwiderte der Alte mit einem Schimmern in den Augen.
"Aber wo?", fragte die Person, doch der weise, alte Mann verschwand schon am Horizont.
Marcus Hanel
Marcus.Hanel@bremerhaven.de
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