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Leitbild
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topic started 10/6/01; 10:02:40 AM last post 11/17/02; 5:15:32 PM |
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a9503809@u...
- Leitbild 
10/6/01; 10:02:40 AM (reads: 16247, responses:
1) |
Wovon gehen wir aus?
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch
einzigartig, einmalig und deshalb unaustauschbar ist, dass mensch mit
Bewußtsein, Vernunft, Kreativität, Willen und Gewissen begabt und damit
zu Erkenntnis und Veränderung fähig ist.
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch Bedürfnisse (Anliegen,
Wünsche, Absichten usw.) hat, die von Tag zu Tag und von Lebensphase
zu Lebensphase wechseln können. Diese Bedürfnisse sind uns
Ausgangspunkt unseres Denkens und Handelns.
Wir gehen davon aus, dass für jeden Menschen Beziehungen
(jeglicher Art) zu anderen Menschen lebensnotwendig sind,
gleichzeitig aber die Früchte dieser Beziehungen unabsehbar
vielfältig und bereichernd sein können.
Wir gehen schließlich davon aus, dass jeder Mensch in ihrer/seiner
persönlichen Wirklichkeit lebt, in der sich ihre/seine Einmaligkeit
widerspiegelt und die unter anderem durch ihre/seine Bedürfnisse und
Beziehungen bestimmt wird. Diese persönliche Wirklichkeit ist ihr/ihm
Entscheidungsgrundlage für ihr/sein Handeln und letztlich
ausschlaggebend für ihr/sein Lebensgefühl. Auch diese Wirklichkeiten
sind veränderlich und gestaltbar.
Was finden wir vor?
Wir finden derzeit KonsumentInnen, ProduzentInnen,
ArbeitnehmerInnen, ArbeitgeberInnen vor - also auf bestimmte Funktionen
und Berechenbarkeiten reduzierte oder sich selbst beschneidende Menschen. Ihr kreatives und wohlwollendes Potential wird durch ein Übermaß an unnotwendigen Ängsten und Zwängen eingeschränkt.
Wir finden derzeit vorwiegend jene Bedürfnisse,
die man glaubt, haben zu dürfen, eine Unzahl an fremdbestimmten,
diktierten Bedürfnissen und oft die seltsame Gewißheit, daß viele ganz
genau über die Bedürfnisse der anderen Bescheid zu wissen glauben.
Wir finden derzeit Beziehungen, die vom Kalkül dominiert werden, Beziehungen,
die bestrebt sind, die unberechenbaren (kreativen) menschlichen Anteile
auszutreiben und die durch die Inszenierung physischer und/oder
psychischer Abhängigkeiten zementiert werden. Da sich in solchen
Beziehungen nur selten jemand wohl fühlt, ist es nicht verwunderlich,
daß viele heute von einer beziehungsverarmten, "atomisierten"
Gesellschaft isolierter Individuen sprechen.
Wir finden derzeit persönliche Wirklichkeiten,
die gespickt sind von Zwängen, Widersprüchen, Ängsten, überflüssigen
Grenzen, Vorurteilen, Fremdurteilen, "freiwilligen"
Selbstbeschränkungen und lieblos zusammengebastelten Weltbildern.
Dementsprechend häufig sind Fehleinschätzungen (unter anderem, daß man
unter "diesen" Umständen sowieso nichts machen kann) und
Fehlentscheidungen, die daraus resultierenden Mißerfolge und
Lebensgefühle, in denen nicht einmal mehr die Hoffnung auf Freude
existiert und die durch Resignation und Mutlosigkeit bestimmt sind.
Wie könnte es sein?
Die Menschen könnten
sich ihrer Ganzheit, ihrer Einmaligkeit, ihrer Fähigkeiten und ihrer
Entwicklungsmöglichkeit bewußt sein und dementsprechend auf der Achtung
ihrer Würde bestehen.
Die Menschen könnten ihre eigenen Bedürfnisse
selbst auffinden, artikulieren und zu verwirklichen anstreben. Sie
könnten auch die anderen fragen, welche Wünsche und Fähigkeiten diese
haben.
Die Menschen könnten ihre Beziehungen durch
Dialog und Vereinbarungen so gestalten, daß sich alle Betroffenen
ganzheitlich (nämlich mitsamt ihren Wünschen) darin wiederfinden,
Fluchtgedanken dementsprechend absurd erscheinen und Hinwendung,
Interesse, Neugier und Wohlwollen ausreichend Raum finden.
Die Menschen könnten sich der Gestaltbarkeit ihrer persönlichen Wirklichkeit bewußt
sein, sich dementsprechend selbst dafür verantwortlich erklären und
damit Sinn darin sehen, Widersprüche aufzuklären, Ängste zu
hinterfragen, willkürlich gesetzte Grenzen und Zwänge aufzuheben und
sich entmenschenden Tendenzen und Inszenierungen zu widersetzen.
Was wollen und können wir tun?
Wir wollen Mut machen, die Menschen für voll und ernst nehmen, wir wollen den ganzen Menschen im anderen aufsuchen.
Wir wollen Räume schaffen und pflegen, wo sich Bedürfnisse artikulieren können und ihre Umsetzung begonnen werden kann, sowie falls nötig bzw. möglich Hilfestellung dabei leisten.
Wir wollen an einem dichten Beziehungsnetz mitknüpfen, Beziehungsmodelle aufspüren und austesten und entsprechende Informationen ausfindig machen und bereitstellen.
Wir
wollen Wirklichkeitsentwürfe diskutieren, austesten und etablieren, die
dem "ganzen" Menschen gerecht werden. Wir wollen schließlich zu einer gemeinsamen Wirklichkeit vorstoßen,
die nach all dem Gesagten nur dann auch wirklich eine gemeinsame
genannt werden kann, wenn sie von den Betroffenen auch gemeinsam
gestaltet wurde.
Anmerkung:
Dieser Leitbildentwurf orientiert
sich an der Sprache des Konstruktivismus. Er ist mit einiger Sicherheit
auch in der Sprache der Liebe, in der Sprache des neuen Humanismus, in
der Sprache der Gesellschaftssysteme, in der Sprache des
Geschlechterdiskurses, in der Sprache der Bibel, in der Sprache der
Wissenschaft, in der Sprache der Kunst, in welcher Sprache auch immer
darstellbar - wohl ohne zu einem wesentlich anderen Ergebnis zu
gelangen: Wir müssen, wollen, können, sollen und dürfen gemeinsam leben.
Zum Thema "Konstruktivismus" vgl. auch http://www.univie.ac.at/constructivism/
Seit 13.02.02 ist in der Vorläufer-Text auch auf
http://www.opentheory.org zur Diskussion gestellt. Der direkte Link ist
http://www.opentheory.org/h-leitbild/
Überarbeitet von Andreas Landl 20.12.2002
Überarbeitet von Christian Apl 12.07.2003
Überarbeitet von Michael Grimburg 27.11.2006

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Andreas Hermann Landl
- AW: Leitbild 
11/17/02; 5:15:32 PM (reads: 10659, responses:
0) |
| Leitbilddiskussion
Bedürftige Menschen?
Das Leitbild ist ein guter Ausgangspunkt für eine Diskussion. Im Anschluß an Ivan Illich und die Habilitationsschrift von Marianne Gronemeyer (1985, Bedürfnisse - Gegenbedürfnisse - Bedürfnislosigkeit: Zur Reformulierung sozialwissenschaftlicher Bedürfnistheorien) gebe ich zu Bedenken, dass der Bedürfnisbegriff in der Regel die starke Tendenz in sich birgt den Menschen als versorgungsbedürftiges Mängelwesen zu konstruieren. Alternativ dazu schlägt sie vor das Leben aus den Fähigkeiten zu kultivieren. Heute würde ich mit Systemikern von resourcen- und lösungsorientiertem Denken sprechen.
"Humanismus"
Der Begriff Humanismus wurde von den Nationalsozialisten auch seiner Unschuld beraubt. So Heidegger nicht nur den Humanismusbrief verfasst, sondern auch auf fatale Weise mit den Nationalsozialisten kooperiert.
Was bleibt?
Humanismus ist für mich aber eine sinnvolle Fragerichtung, ein Bemühen alte Fragen zu lösen. Wer sind wir? Wer können wir sein, wenn...
Außerdem sind mit die Humanisten sehr sympathisch. Wenn das so bleibt, sterbe ich gerne über der Lösung der Frage was ist wirklich human und darf/soll ich als Humanist andere fühlende Lebewesen essen, uswusf. - solange es sinnvoll bleibt.

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