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ARENDT, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

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inaktiv topic (c) dada.at/geoff ARENDT, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft topic started 10/6/03; 9:34:41 AM
last post 10/6/03; 9:34:41 AM
user (c) dada.at/geofff Christian Apl - ARENDT, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft  blueArrow
10/6/03; 8:34:41 AM (reads: 4566, responses: 0)
ARENDT, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus. (E: 1951, The Orignis of Totalitarianism, D: 1986), Piper, München (8. Auflage 2001)

Arendt legt eine Geschichte und Theorie des Totalitarismus vor, wobei u.a. die eigentümliche Strukturlosigkeit totaler Regierungen zu Tage tritt. Nationalsozialismus und Stalinismus werden als verwandte Herrschaftstypen analysiert. Immer wieder springen einem würgend frappierende Ähnlichkeiten zu neoliberalen Prozessen ins Auge.

"So klein und scheinbar unbedeutend diese früheren Antismitenparteien waren, sie unterschieden sich sofort von allen anderen Parteien im Nationalstaat, als sie erklärten, dass sie nicht eine Partei unter Parteien seien, sondern eine 'Partei über den Parteien'." (104)

"Schließlich ist es kein Zufall, wenn die französische Intelligenz als erste in Europa nihilistisch wurde und die französische Studentenschaft die später so charakteristischen Studentenkrawalle einleitete. Es war nicht ganz einfach, auf der Seite von Liberté-Egalité-Fraternité zu stehen, wenn die Freiheit gerade in der freien Konkurrenz, die Gleichheit in der Korruption und die Brüderlichkeit in dem Augurenlächeln der Clique unterzugehen im Begrif stand." (232)

"Friedlich miteinander konkurrierende Imperien sind ein Unding, weil Konkurrenz so wenig wie Expansion ein politisches Prinzip enthält; beide bedürfen der politischen Macht, die sie kontrolliert und dirigiert und ohne die sie maßlos und zerstörerisch werden müssen." (292)

"Erst die totalitären Nachfolger imperialistischer Expansion gaben dem Gesetz des Prozesses radikal nach und zerstörten, wohin sie kamen, alle politisch etablierten Strukturen, auch die ihrer Stammesländer." (315)

"Desinteressement und Absonderung, Charakteristik des neuen imperialistschen Verwaltungsapparates, erwiesen sich als eine wesentlich unmenschlichere Regierungsform als despotische Willkür, weil sie, gerade wenn sie in absoluter Integrität durchgeführt wurden, die von ihr beherrschten Menschen gleichsam endgültig zu reinen Verwaltungsobjekten erniedrigten."(453)

"Völkische und rassische Wahnvorstellungen sind sehr reale, wenn auch sehr zerstörerische Auswege, den schier unübersehbaren Komplikationen und der fast untragbaren Bürde einer allseitigen Verantwortlichkeit zu entgehen." (501)

"Absolute Rchtlosigkeit hat sich in unserer Zeit als die Strafe erwiesen, die auf absolute Unschuld steht. [...] Die Rechtlosigkeit hingegen entspringt einzig der Tatsache, dass der von ihr Befallene zu keiner irgendwie gearteten Gemeinschaft gehört." (611f)

"Dass es so etwas gibt wie ein Recht, Rechte zu haben - und dies ist gleichbedeutend damit, in einem Beziehungssystem zu leben, in dem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird -, wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen aufgetaucht sind, die dieses Recht verloren haben und zufolge der neuen globalen Organisation der Welt nicht imstande sind, es wiederzugewinnen." (614)

"Ausschlaggebend ist in unserem Zusammenhang, das sich ein totalitärer Staat von einer Diktatur und einer Tyrannis unterscheidet; und zwischen ihnen differnzieren zu können, ist beileibe nicht ein akademisches Problem, das man getrost den 'Theoretikern' überlassen dürfte, denn totale Herrschaft ist die einzige Staatsform, mit der es keine Koexistenz geben kann." (636)

"[...] was den totalitären Terror am meisten charakterisiert: dass er entfesselt wird, wenn jede organisierte Opposition sich gelegt hat und der totalitäre Herrscher weiß, er muss nichts mehr befürchten." (640)

"Das Hauptmerkmal der Individuen in einer Massengesellschaft ist nicht Brutalität oder Dummheit oder Unbildung, sondern Kontaktlosigkeit und Entwurzeltsein." (682)

"Der Massenmensch, den Himmlers Organisationskünste unschwer zum Funktionär und willigen Komplizen der größten Verbrechen, welche die Geschichte kennt, machten, trug deutlich die Züge des Spießers, nicht die Züge des Mobs; hier waren keine Leidenschaften, verbrecherische oder normale, im Spiel, sondern lediglich eine Gesinnung, die es selbstverständlich fand, bei der geringsten Gefährdung der Sekurität alles - Ehre, Würde, Glauben - preiszugeben. Nichts erwies sich als leichter zerstörbar als die Privatmoral von Leuten, die einzig an die ununterbrochene Normalität ihres privaten Lebens dachten, nichts konnte leichter gleichgeschaltet, öffentlich uniformiert werden als dieses Privatleben." (723)

"Die totalitäre Bewegung muss daher, wenn sie erst einmal die Macht in der Hand hat, unerbittlich alle Talente und Begabungen, ohne Rücksicht auf etwaige Sympathien, durch Scharlatane und Narren ersetzten; ihre Dummheit und ihr Mangel an Einfällen sind so lange die beste Bürgschaft für die Sicherheit des Regimes, als dieses noch nicht seine eigene Funktionärsschicht herangezogen hat, die selbst gegen die Menschlichkeit der Narrheit und Scharlatanerie gefeit ist." (724)

"Terror bleibt grundsätzlich die Herrschaftsform totalitärer Regierungen, wenn seine psychologischen Ziele längst erreicht sind." (731)

"Die Nazis gaben ihre Verbrechen selbst öffentlich bekannt [...], weil sie damit rechneten, dass das Verbrechen als solches propagandistische Wirkung haben würde. Die 'Machtpropaganda' verschaffte ihnen das Prestige, keine 'leeren Schwätzer' zu sein." (732)

"Nur wo der gesunde Menschenverstand seinen SInn verloren hat, kann ihm totalitäre Propaganda ungestraft ins Gesicht schlagen." (747)

"Die Mitglieder einer totalitären Bewegung sind organisatorisch gegen die Außenwelt so abgedichtet, dass sie die außerordentlichen Risiken einer totalitären Politik, die in ihrer Vorstellung es immer nur mit Scheingegnern - nämlich mit einer weniger radikalen, weniger konsequenten, aber heimlich 'sympathisierenden' Majorität und einer teuflisch schlauen, aber machtmäßig ganz unerheblichen Minorität - zu tun hat, prinzipiell und beharrlich unterschätzen." (773)

"Ein Beisammensein von Zynismus und Leichtgläubigkeit durchherrscht alle Ränge totalitärer Bewegungen; je höher der Rang ist, desto mehr überwiegt in dieser Mischung der Zynismus. Alle Ränge, vom Sympathisierenden bis zum Führer, sind davon überzeugt, dass Politik als solche im hergebrachten Sinne wesentlich ein Spiel des Betrügens ist und dass demzufolge das 'erste Gebot' der Bewegung: 'Der Führer hat immer recht', für den weltweiten Betrug der Weltpolitik so unerlässlich ist wie militärische Disziplin für die Kriegsführung." (802f)

"Entscheidend ist vielmehr, dass die totalitären Regime ihre Außenpolitik konsequent und systematisch unter der Voraussetzung einer schließlichen Weltherrschaft führen, und zwar indem sie ein Ausland im eigentlichen Sinne nicht anerkennen, sondern sich zu jedem fremden Land so stellen, als sei es potentiell zum mindesten ihr eigenes Herrschaftsgebiet." (860)

"Die totalitäre Politzei hat nicht die Aufgabe, Verbrechen aufzudecken; was für Verbrechen gerade verübt werden und wer die Verbrecher jeweilig sind, bestimmt der Führer." (882)

"Dieser universalen Verdächtigkeit entspricht ein nicht weniger universales Misstrauen, das mehr als alles andere alle menschlichen Beziehungen in der totalitären Gesellschaft unterminiert." (892)

"So könnte die von der Angst vor de Konzentrationslagern geleitete Einsicht in die Natur totaler Herrschaft dazu dienen, alle veralteten poltiischen Differnzierungen von rechts bis links zu entwerten und neben und über sie den politisch wesentlichsten Maßstab für die Beurteilung von EReignissen in unserer Zeit einzuführen, nämlich: ob sie einer totalen Herrschaft dienen oder nicht." (914)

"Jede Neutralität, ja, jede spontan dargebrachte Freundschaft ist vom Standpunkt einer totalen Beherrschung genauso gefährlich wie klare Feindschaft, eben weil Spontaneität als solche in ihrer Unberechenbarkeit das größte Hemmnis der totalen Herrschaft über den Menschen ist." (937)

"Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen und auf nichts mehr Verlaß ist." (978)

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