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BOTZ, Gerhard: Eine neue Welt, warum nicht auch eine neue Geschichte?

Gerhard Botz: "Eine neue Welt, warum nicht auch eine neue Geschichte?" Österreichische Zeitgeschichte am Ende ihres Jahrhunderts, Teil I, In: ÖZG 1/1990, S. 49-76

Rezension von Christian Apl

Der Titel dieses Artikels läßt zunächst darauf hoffen, daß sich der Autor der Thematik Geschichte mit grundätzlich neuen Fragestellungen nähert, was aber leider durch den Untertitel eine gewisse Ernüchterung erfährt. Tatsächlich wird hier versucht eine Standortbestimmung der österreichischen Zeitgeschichte vorzunehmen, was über einen geschichtlichen Abriß der Entstehung und Entwicklung der betreffenden Institutionen auch weitgehend durchgeführt wird.

Zunächst versucht der Autor Erklärungen zu finden, warum in Österreich verspätet - erst ab etwa 1960 - Zeitgeschichte Fuß fassen konnte. Offenbar hielt man die Lage für zu instabil, als daß man sich eine breite Diskussion, die in einem erbitterten "popularhistorischen" Streit eskalieren würde, leisten könnte. Das Schweigen der Geschichte erschien "staatsnotwendig" oder konnte von der Großen Koalitionsregierung erfolgreich als solches ausgegeben werden.

Die Gründungsphase der Zeitgeschichte setzte vorsichtig 1953 durch Rudolf Neck ein, fand aber noch kaum Resonanz. 1966 wurde schließlich das Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien eingerichtet; 15 Jahre nach München. Es war mit dem "Institut für Kirchliche Zeitgeschichte" in Salzburg, dem "Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes" in Wien und der an der Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (dann Universität) Linz eingerichteten, überwiegend "zeitgeschichtlichen" Professur eine der vier Eckpfeiler des "Tetragons" der Zeitgeschichte. Allerdings fand das auf einem Nährboden einer geschichtsmentalen Grundhaltung statt, die Botz wohl zurecht als "Koalitionsgeschichtsschreibung" bezeichnet. Die Sprengkraft der zur Aufarbeitung anstehenden Themen sollte wohl nicht außer Kontrolle geraten.

Schließlich wurde 1972 die "Wissenschaftliche Kommission zur Erforschung der Geschichte Österreichs in den Jahren 1927 bis 1938" ins Leben gerufen. Schon beim ersten Symposium der Kommission drohten jedoch gleichsam die entfesselten Ströme der bisher gebannten Zeitgeschichte in eine andere Richtung auszubrechen. In den darauffolgenden Jahren gelang es auch zeitweise die Kommission von der "Koalitionsgeschichte" weg in Richtung auf eine demokratisch-kritischere Interpretation zu verschieben. In den 70er-Jahren begann somit ein neues Bild von der Historiographie - insbesondere der Zeitgeschichte - Platz zu greifen, in dem die Sozialwissenschaften v.a. die Politologie und die Soziologie mehr Raum fanden. Insoferne ist sicher, wie auch im Titel angedeutet, von einer "neuen" Geschichte zu sprechen.

Trotzdem bleibt der Autor selbst mit seinem Artikel ganz im Rahmen der traditionellen Historiographie, indem er es weitgehend bei der Aufzählung und Beschreibung der relevanten Geschehnisse beläßt. Ob er damit seine Verantwortung der Demokratie gegenüber ausreichend wahrnimmt, wagt der Rezensent nicht zu bestätigen. Die demokratisch-kritischere Interpretation scheint wieder einige Jahrzehnte zu spät zu kommen.

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