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Zeugenbericht der Kinue Tomoyasu
Frau Kinue Tomoyasu war zur Zeit des Atombombenangriffs 44 Jahre alt. Sie war zu Hause, fünf Kilometer vom Hypozentrum entfernt und suchte dann in der Innenstadt von Hiroshima nach ihrer Tochter. Schon früher war ihr Ehemann an einer Krankheit gestorben und ihr einziger Sohn war eingerückt. Sie lebte mit ihrer einzigen Tochter. 1973 wurde Frau Tomoyasu in Hiroshima ins Pflegeheim für Atombombenopfer aufgenommen.
Tomoyasu: An diesem Morgen verließ ich mit meiner Tochter das Haus. Sie arbeitete in einem industriellen Forschungsinstitut. Dann wurde Fliegeralarm ausgelöst und ich ging zurück nach Hause. Aber meine Tochter bestand darauf: "Ich gehe ins Büro" - trotz des Fliegeralarms. Sie erreichte die Bahnstation. Der Zug war jeden Morgen zu spät, aber an diesem Tag war er pünktlich. Sie nahm den Zug und als sie ausstieg, wurde sie am Bahnhof von der Atombombe getroffen. Ich ging in meine Wohnung, weil der Alarm noch nicht vorbei war, legte mich ins Bett und wartete auf das Ende das Fliegeralarms.
Nachdem der Alarm aufgehoben wurde, stand ich auf, klappte das Bett zurück in den Wandschrank und öffnete das Fenster. Als ich das Fenster öffnete kam der Blitz. Er war so hell, zehnmal oder hundertmal oder tausendmal heller als das Blitzlicht von einer Kamera. Der Blitz stach mir scharf in den Augen und ich wurde bewusstlos. Das Fensterglas lag zerschmettert über den ganzen Boden. Ich lag auch auf dem Boden, als ich zu mir kam. Besorgt wollte ich unbedingt wissen, was mit meiner Tochter, Yatchan, geschehen war.
Ich schaute aus dem Fenster und sah einen meiner Nachbarn. Er stand da draußen. Ich rief: "Mr. Okamoto, was war das für ein Blitz?" Er sagte: "Das war ein Todesstrahl." Ich wurde noch besorgter. Ich dachte: "Ich muss gehen, ich muss gehen und sie finden." Ich kehrte die Glassplitter zusammen, zog meine Schuhe an und nahm meinen Luftschutzhelm mit. Ich ging zu einem Bahnhof in der Nähe von Hiroshima.
Ich sah ein junges Mädchen, das mir entgegenkam. Ihre Haut hing ihr überall herunter und sie war nackt. Sie murmelte vor sich hin: "Mutter, Wasser, Mutter, Wasser." Ich warf einen Blick auf sie. Ich dachte, sie könnte meine Tochter sein, aber sie war es nicht. Ich gab ihr kein Wasser. Es tut mir leid, dass ich das nicht tat, aber ich konnte vor Sorgen über meine Tochter an nichts anderes denken. Ich lief den ganzen Weg zum Bahnhof von Hiroshima. Der Bahnhof war voll mit Leuten. Einige von ihnen waren tot und viele lagen am Boden, riefen nach ihren Müttern und fragten nach Wasser.
Ich ging zur Tokiwa-Brücke. Die hatte ich zu überqueren, um zum Büro meiner
Tochter zu kommen. Aber da war ein schweres Seil über die Brücke und die Leute
dort sagten mir: "Sie können hier heute nicht hinüber." Ich protestierte: "Das
Büro meiner Tochter ist dort drüben. Bitte lassen sie mich durchgehen." Sie
sagten mir: "Nein." Einige Männer wagten es durchzugehen, aber ich konnte nicht
auf die andere Seite. Ich dachte, dass sie vielleicht schon am Heimweg ist und
ging wieder nach Hause. Aber meine Tochter war noch nicht zurück.
Interviewer: Haben Sie die große Wolke gesehen?
Tomoyasu: Nein, ich habe die Wolke nicht gesehen.
Interviewer: Sie haben die Pilzwolke nicht gesehen?
Tomoyasu: Ich habe die Pilzwolke nicht gesehen. Ich versuchte meine Tochter zu
finden. Sie sagten mir, dass ich nicht über die Brücke gehen kann. Ich dachte,
sie würde vielleicht schon zu Hause sein und so ging ich zurück bis zum
Nikitsu-Schrein. Dann begann der schwarze Regen vom Himmel zu fallen und ich
fragte mich, was das war. Und es war das, was der schwarze Regen genannte wurde.
Interviewer: Können sie uns sagen, wie der schwarze Regen war?
Tomoyasu: Es war wie ein schwerer Regen. Und ich hatte meinen Luftschutzhelm
auf, so bekam ich ihn glücklicherweise nicht auf den Kopf, aber er fiel auf
meine Hände. Und ich lief und lief. Ich wartete auf sie bei offenen Fenstern.
Ich blieb die ganze Nacht auf und wartete und wartete auf sie, aber sie kam
nicht zurück. Um etwa 6 Uhr 30 am Morgen des 7. kam Herr Ishido, dessen Tochter im selben Büro arbeitete wie meine Tochter. Er rief nach dem Tomoyasu-Haus. Ich ging hinaus und rief ihm zu: "Es ist hier, hier herüben!"
Herr Ishido kam zu mir herauf und sagte: "Schnell! Nehmen Sie was zum Anziehen
und gehen sie zu ihr. Ihre Tochter ist am Ufer des Ota-Flusses." Ich sagte:
"Danke, vielen, vielen Dank. Ist sie noch am Leben?" Er sagte: "Sie ist am
Leben," und fügte hinzu: "Ich werde Ihnen den Weg zeigen." Ich nahm einen Yukata
mit. Meine Nachbarn boten mir eine Krankentrage an. Und ich begann mit voller
Geschwindigkeit zu laufen. Leute liefen mir nach und sagten: "Langsam, langsam!
Passen Sie auf, dass Sie sich nicht selbst verletzen!" Aber dennoch beeilte ich
mich so schnell ich konnte.
Als ich die Tokiwa-Brücke erreichte, lagen dort Soldaten am Boden. Um den
Hiroshima-Bahnhof sah ich mehr Tote liegen, mehr am Morgen des 7. als am 6. Als
ich das Flussufer erreichte, konnte ich nicht sagen, wer wer war. Ich hielt
Ausschau nach meiner Tochter. Aber dann schrie sie nach mir: "Mother!" Ich
erkannte ihre Stimme. Ich fand sie in einer schrecklichen Verfassung. Ihr
Gesicht sah fürchterlich aus. Bis heute erscheint sie mir manchmal so in meinen
Träumen.
Als ich bei ihr war, sagte sie: "Es sollte nie Krieg sein." Das erste, was sie
zu mir sagte, war: "Mutter, es hat dich so getroffen." Ich konnte nichts für sie
tun. Meine Nachbarn gingen nach Hause. Sie hatten selbst verwundete
Familienmitglieder. Ich war auf mich gestelltund wusste nicht, was zu tun war.
Es waren Maden in ihren Wunden und ein klebriger, gelblicher Eiter, eine klare
wässrige Flüssigkeit kam aus ihren Wunden und eine klebrige gelbliche
Flüssigkeit. Ich wusste nicht, was da vor sich ging.
Interviewer: Und sie haben versucht, die Maden vom Körper ihrer Tochter
wegzubringen?
Tomoyasu: Ja. Aber ihre Haut hat sich richtig abgeschält. Die Maden sind überall
herausgekommen. Ich konnte sie nicht wegwischen. Ich dachte, es würde zu
schmerzhaft sein. Trotzdem habe ich ein paar Maden herausgepickt. Sie fragte
mich, was ich tur und ich sagte ihr: "Oh, es ist nichts." Sie nickte zu meinen
Worten. Und neun Stunden später starb sie.
Interviewer: Sie haben sie die ganze Zeit in ihren Armen gehalten?
Tomoyasu: Ja, auf meinem Schoß. Ich saß zusammengekauert am Boden, aber ich
hielt sie in meinen Armen. Als ich sie am Schoß hielt, sagte sie: "Ich will
nicht sterben." Ich sagte ihr: "Halt durch, halt durch." Sie sagte: "Ich will
nicht sterben bevor mein Bruder nach Hause kommt." Aber sie hatte Schmerzen und
weinte immer wieder: "Bruder. Mutter." Am 15. August hatte ich ihr Begräbnis.
Und etwa Anfang Oktober begann mein Haar auszufallen. Ich wusste nicht, was mit
mir geschah, aber all meine Haare verschwanden.
Im November war ich kahl. Dann tauchten purpurrote Flecken am Hals, am Körper
und meinen Armen auf und an der Inneseite meiner Schenkel, eine Menge, überall,
die purpurroten Flecken auf meinem ganzen Körper. Ich hatte hohes Fieber, 40
Grad. Ich hatte Schüttelfrost und konnte nicht zum Arzt. Ich hatte immer noch
Fieber, als ich hier schon eine Weile war. Jetzt hab ich es nicht mehr so oft.
Interviewer: Was machte Ihr Sohn, nachdem er aus dem Krieg heimkam?
Tomoyasu: Er kam im Februar 1946 heim und er kümmerte sich um mich. Als er
hörte, wie seine Schwester starb, sagte er, dass es ihm so leid um sie tat. Er
sagte mir, dass er Krieg hasst. Ich verstand. Viele seiner Freunde starben im
Krieg. Er sagte mir, dass es ihm leid tut, dass er überlebt hat. Er war richtig
erfüllt von Bedauern. Mein Sohn hat auch Malaria während des Krieges bekommen.
Er hat eine Menge gelitten. Ich weiß nicht warum, aber er wurde neurotisch und
beging schließlich Selbstmord indemer vor einen Zug sprang im Oktober. Ich war
allein zurück gelassen. Alleine zu leben, bedeutete durch viele Härten zu gehen.
Ich habe keine Familie.
Ich trat der Weiße Chrysanthemen-Organisation an der Universität von Hiroshima
bei und verpflichtete mich meinen Körper nach meinem Tod für medizinische
Ausbildung und Forschung zur Verfügung zu stellen. Meine Mitgliedsnummer ist
Nummer 1200. Ich bin bereit. Ich bin jetzt jederzeit bereit zu Gott gerufen zu
werden. Aber Gott erlaubt mir noch nicht, an seine Seite zu kommen. Wenn kein
Krieg gewesen wäre, meine zwei Kinder hätten nicht sterben müssen. Wenn kein
Krieg gewsen wäre, würde ich nicht in einer Einrichtung wie dieser bleiben
müssen. Wahrscheinlich würden wir drei glücklich zusammen leben. Ah, es ist so
schwer für mich.
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