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GRUEN, Arno: Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror
Arno Gruen Der Kampf um die Demokratie
Der Extremismus, die Gewalt und der
Terror
Stuttgart 2002
Eine
Rezension für den Hausgebrauch von Christian Apl, November 2004 Endlich wieder ein Werk, das sich
gegen Gewalt wirklich eindringlich auflehnt. Beinahe verzweifelt ˆ angesichts
der Selbstverständlichkeit mit der Gewaltanwendungen und -auswirkungen heute
hingenommen werden. Die Schwellen der Gewaltlegitimation scheinen ins Bodenlose
zu fallen. Mahnende und widersprechende Stimmen treten kaum mit dem entsprechenden
Nachdruck ins öffentliche Bewusstsein. ≥Die Gesellschaft„ scheint gelähmt wie
das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Eine eisige Ohnmacht macht sich
allerorten bemerkbar. Gruen schreit auf. Es ist wie ein
Schrei des Entsetzens, der geschrieen werden will, aber wie in einem Albtraum
nicht geschrieen werden kann. Aber er liefert wichtige Grundlagen zur
Entwicklung von Strategien und konkreten Handlungskonzepten, hier muss
unbedingt weiter gearbeitet werden.
Gruen geht ≥ausführlich auf die Frage
nach Entstehung von Gewalt„ ein und macht wieder einmal nachdrücklich deutlich,
dass Gewalt immer nur noch mehr Gewalt erzeugt und damit Menschen ihres Selbst
beraubt werden, zuerst psychisch, dann physisch. Rechtsradikalismus und
Linksradikalismus sind in der Beschreibung nur die Pole. Die Übergänge sind
fließend und schleichend und Gruen macht deutlich, dass es um die Wurzeln des
Extremismus geht, die in uns angelegt sind, lange bevor der Extremismus in
Erscheinung tritt. Eine Kostprobe aus dem Vorwort
(S. 10): ≥Sophie und Hans Scholl verstanden, wie der Betrug am Menschen durch
scheinbar geistige Argumente verdeckt wird. Sie erkannten, dass man einer
Entwicklung, die durch und durch ungeistig ist, nicht mit geistigen Argumenten
beikommen kann und darf. Die Sprache der Radikalen, die von Krieg und
Vergeltung, von Idealen und Nationalem spricht, mag sich geistig gesund
anhören. In ihrer Ignoranz gegenüber Ohnmacht, Elend und Demütigung ist sie
jedoch völlig von der Realität menschlicher Gefühle und Bedürfnisse abgetrennt.„
Es geht um ≥die Abkehr von der
eigenen Menschlichkeit„, Schmerzverleugnung, Erniedrigung, Lieblosigkeiten,
fehlendes Einfühlungsvermögen, verdrängtes Mitgefühl, Erziehung, Lebenslügen,
Selbstauslöschung, Ideologien, Menschenverachtung, Hass, Fremdes,
Selbstmitleid.
Ein paar der wichtigsten Aussagen
(S. 14): ≥Solange wir unseren eigenen Schmerz verleugnen, werden wir weder uns
noch die neofaschistischen Gewalttäter verstehen. [Σ] Verschleiert wird dabei
aber, dass es nicht um ein ≠Zivilisieren‚, sondern um die Festschreibung von
Herrschaft geht.„
S. 16: ≥Das Verwerfen der eigenen
Menschlichkeit verbindet alle, vom primitiven Rechtsradikalen bis zum
Intellektuellen, der seinen Haß auf alles Fremde in menschenverachtende
Ideologien verpackt.„
S. 17: ≥Wenn Bedürfnisse nach
Anerkennung, Liebe, Geborgenheit nicht befriedigt werden, bringt dies Schmerz
hervor und dann Angst.„
S. 19: ≥Die Verleugnung des
Schmerzes ist das Allgemeine, das wir alle erlebt haben, weil diejenigen, die
uns den Schmerz zugefügt haben, es von uns verlangt haben.„
S. 21: ≥Das ist es, was Menschen zur Gewalttätigkeit treibt: Die
fehlende Möglichkeit, eigene Bedürfnisse und Wahrnehmungen zum Kern der eigenen
Identitätsentwicklung zu machen.„
Vgl. S. 21: Wer von uns hat nicht
immer noch Angst davor, dass sie oder er von einem Menschen aus der
Vergangenheit umgebracht wird?
S. 22: ≥Gehorsam wird zur
Freiheit umgedeutet und die freiwillige Knechtschaft zu einem bewundernswerten
autonomen Akt."
S. 23: ≥Menschen, die einer
solchen Entwicklung ausgesetzt waren, müssen alles, was die Wahrheit aufdecken
und zu wirklicher Liebe führen würde, hassen und zerstören.„
S. 25: ≥Albert Einstein sagte:
Die Welt ist nicht bedroht von Menschen, die böse sind, sondern von denen, die Böses
zulassen.„
Und dann erste Hinweise auf Handlungsansätze (S. 27): ≥Wir müssen
Menschen Mut machen, sich nicht zu
schämen, ihre Gefühle für Gerechtigkeit und ihr Mitgefühl für Leid und Schmerz
zu zeigen.„ OK. Wie geht das, dieses Mut machen?
S. 28: ≥Heute wie damals geben
die Rechtsradikalen eine Gewalt weiter, die ihnen selbst angetan wurde: Es geht
um die Verurteilung ihrer eigenen angeborenen Menschlichkeit, ihres Schmerzes,
ihrer Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht.„
Ebd.: ≥Unter dem Deckmantel einer
Law-and-order-Gesellschaft, die Macht und Gehorsam glorifiziert, aber nicht
wirklich reflektiert, wird man zum freiwilligen Knecht einer im Kern
faschistischen Ideologie.„
Handlungsansatz 2 (S. 30): ≥Wirksam ist nur die Haltung eines konsequenten Nein zu Gewalttätigkeit.„ Das
heißt wohl: Macht den Mund auf, wenn in Eurer Umgebung Gewalt geschieht,
versucht sie zu verhindern. Aber(!!): ≥Wer solche lebenden ≠Gewaltbomben‚
entschärfen will, muß seine eigenen Gewaltbereitschaft erkennen.„ Das kann ich
wohl nicht oft genug unterstreichen. Initiativen und Bewegungen für
Gewaltfreiheit wurden bisher ja oft dadurch blockiert, dass die Leute die für
Gewaltfreiheit eintraten, damit meist automatisch annahmen, sie seien selbst
schon gewaltfrei.
Handlungsansatz 3? (S. 31): ≥Die [neofaschistischen] Jugendlichen
in Weidners Studie wollten kein Mitleid, keine Schonung. Sie wollten
Konfrontation, Provokation, ein hartes, brutales Nachfragen. Jens Weidner war
brutal, er löcherte sie mit Fragen, bis ihre Abwehr zusammenbrach. Wenn man den
Helden lange genug malträtiert, schrumpft er irgendwann zum Feigling zusammen.
Es geht um eine schonungslose Konfrontation mit sich selbst, weil nur diese zu
jener Wahrheit führt, der auszuweichen solche Menschen gewohnt sind. Nur so
kann man sie zur Scham über den Mord und zur Achtung vor dem Leben
zurückführen.„
Handlungsansatz 4 (S. 37): Erschreckend ist hier die Erkenntnis,
wie instabil Menschen, deren Erziehung durch Autorität und Gehorsam bestimmt
war, eine Demokratie machen. Die anderen, denen die Demokratie am Herzen liegt,
müssen alles tun, um dieses Fehlen eines demokratischen Kerns bei immerhin mehr
als der Hälfte der Bevölkerung auszugleichen.„
S. 40: ≥Eltern, die das von ihnen
verursachte Leiden des Kindes nicht erkennen, weil sie davon überzeugt sind,
nichts falsch machen zu können, erzeugen damit einen Schmerz, der von dem Kind
nicht wahrgenommen werden darf. Was nicht heißt, das Kind empfindet den Schmerz
nicht, vielmehr muß es dessen Wahrnehmung unterdrücken.„
S. 41: ≥Der wirkliche Schmerz,
der um die aktuelle Trauer des ihm zugefügten Leids kreist, wird durch das Kind
verneint, da es ja die Eltern mit Schuld konfrontieren würde.„ ˆ Die Kinder
sind die wahren Helden, auch wenn sie keiner gefragt hat, ob sie das auch sein
wollenΣ
Handlungsansatz 5 (S. 43): Eine Identität, die auf innerer Stärke
aufbaut, setzt die Erfahrung wirklicher Liebe voraus.„
S. 44: ≥Was aussieht wie eine
Identität, besteht in Wahrheit aus Identifikationen mit Autoritätspersonen,
Gehorsam und entsprechenden Rollenklischees männlichen Heldentums. All dies
kreist um ein Selbst, das möglichst weit entfernt ist vom wahren eigenen
Selbst, das sich minderwertig fühlt und durch ein Gehabe von männlicher Stärke
aus dem Bewußtsein ferngehalten wird.„
Gruen untersucht auch die Wurzeln
linksradikaler Gewalt (S. 54): Ihre Eltern ≥gaben Paula alles, aber nur, um sie
als ihr Eigentum gefügig zu machen.„ Das Kind ≥spürt einerseits, dass die
Eltern sich als liebend erleben, fühlt sich aber in seinen wirklichen Bedürfnissen
missachtet, die ihren Eltern im Bemühen, ≠gute Eltern‚ zu sein, gar nicht
kennen.„
Handlungsansatz 6 (S. 60): ≥Schutz und Stütze eines demokratischen
Lebens sind Menschen, deren Identitätsstruktur sich auf der Grundlage
empathischen Erlebens ausbilden konnte, die sich [also] den Zugang zu ihren
eigenen Wahrnehmungen, Bedürfnissen und Gefühlen bewahrt haben und deshalb
gegen eine Abspaltung von Empfindungen wie Mitgefühl geschützt sind, die ihr
eigenes Ich nicht verdrängen mussten und sich deshalb nicht in jenem
abstrakten, emotionslosen Denken verlieren, das Gewalttätigkeit fördert und
Projektionen begünstigt. Kurz: die nicht das Eigene hassen und als fremd
interpretieren und in einem Feind bekämpfen müssen.„
S. 64: ≥Das Phänomen der
Schmerzverleugnung ist charakteristisch für alle Gesellschaftsordnungen, die
auf Anpassung beruhen.„
S. 69: ≥Wenn ein Kind sich
unterwerfen muß, fühlt es sich schuldig für die Gewalt, die man ihm antut. So
bleibt ihm ˆ eine Paradoxie mit schrecklichen Folgen ˆ die Hoffnung erhalten,
dass es seine Lage verbessern kann, indem es sich ändert. Es glaubt ja, selbst
an seiner ungeliebten Situation schuld zu sein.„
S. 74: ≥Selbstmitleid ist immer
ein Nichtwahrnehmen des wirklich erlebten Schmerzes, weil diesen zu erkennen
gegen den Willen der Autorität verstoßen würde.„
Handlungsansatz 7 (S. 84f): ≥Eine Veränderung lässt sich erst
herbeiführen, wenn man es schafft, sie [die Rechtsradikalen] betroffen zu
machen. Das ist möglich, indem man ihnen vor Augen führt, dass sie ihren eigenen
fiktiven Vorstellungen vom Heldentum nicht genügen. [Σ] Solche Menschen
glauben, dass ihr Heldentod sie mit Gott [oder wie immer das Ideal heißt]
vereinen wird. Auf diese Weise entkommen sie der Verantwortung für das Leben
und zerstören es: Diese Menschen sind für ≠Gott‚, aber gegen die Schöpfung.„
S. 87: ≥Es geht um das Sterben,
weil das Leben verhaßt ist. Durch die Selbstvernichtung wird der Wille einer
Macht erfüllt, die einem in weiter Vergangenheit unterjochte.„
S. 89: ≥Das, was das Eigene hätte
sein können, wird gehasst, weil die erziehenden Autoritäten es abgelehnt haben
und das Kind dazu verdammt war, es als fremd abzuspalten. [Σ] Es fehlt ihnen an
Ganzheitlichkeit. Sie können innere Konflikte nur außerhalb ihrer selbst
lokalisieren.„
S. 91: ≥Darin liegt das Problem:
Die Identifikation mit dem Mächtigen verhindert die Entfaltung eines eigenen
Selbst und dadurch die Entwicklung wahrer Selbstbestimmung und Verantwortung.„
Handlungsansatz 8 (S. 95): ≥Es ist ihre Feigheit, die sie so
erbarmungslos macht.„
Handlungsansatz 9 (S. 97): ≥Darum geht es: Wir müssen jene
Menschen, die sich [Σ] eine Sensibilität bewahrt haben, in ihrer
grundsätzlichen Menschlichkeit unterstützen.„
S. 98: ≥Verwöhnung hat nichts mit
Liebe zu tun, auch wenn beides oft gleichgesetzt wird. Das Gegenteil ist der
Fall: Liebe respektiert die Eigenständigkeit des Kindes und führt deshalb zu
einer freien, eigenständigen Persönlichkeit. Bei Verwöhnung dagegen kommt das
Verhältnis zur Mutter einer Leibeigenschaft gleich, was in dem Kind einen
tiefen Terror hervorruft.„
S. 104: ≥In einer Welt, die
häufig in extremer Weise auf einer Ideologie männlicher Wichtigkeit und
Besonderheit beruht, ist die Verwöhnung oft die einzige Möglichkeit für die
Mütter, ihren Söhnen überhaupt nahe zu sein und sich gleichzeitig selbst
Geltung zu verschaffen.„
S 105: ≥Es ist deshalb nicht
verwunderlich, dass wir überall eine Zunahme von Angst registrieren. Die alten
Wunden der Kindheit sind wieder aufgebrochen, der alte innere Terror wurde so
zu neuem Leben erweckt und damit auch die Aggressionen.„
Nach 107 Seiten Analyse kommt
endlich das 12. Kapitel, überschrieben mit ≥Was tun?„ Leider geht es da nur
weiter mit der Analyse und bleibt in den Handlungsansätzen weiterhin sehr
allgemein, z.B. S. 110: ≥Es geht um wirkliches Elend und wirkliche Armut, und
es geht darum, dass durch die Praktiken der Globalisierung zunehmend ganze
Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden von Wohlstand und dem Gefühl, einen
Platz in der menschlichen Gesellschaft zu haben. Diesen Problemen und den
Bedürfnissen der Menschen müssen wir uns zuwenden.„ Oder (S. 111): ≥Man muß mit
eigenen Augen sehen können, darauf kommt es an.„ (Das wären Handlungsansatz 10 und 11).
Schließlich kommt er zum Schluss
(S. 114f): ≥Es gibt deshalb kurzfristig nur zwei Möglichkeiten, mit dem Problem
umzugehen: Entweder man widmet sich den Bedürfnissen der Menschen, ihrer
existentiellen Not und ihrem Anspruch auf Würde. Dies muß dann allerdings
ernsthaft und wahrhaftig geschehen und nicht nur als eine durch Posen in Szene
gesetzte Medienshow. Mit falschen Versprechungen spielt man nur den Faschisten
in die Hände, die, da sie dem Tode verschworen sind, ihre der Gewalt gewidmeten
Szenarien sehr viel konsequenter betreiben.
Die andere Möglichkeit des
Umgangs mit dem Problem ist die, welche die Populisten, Demagogen und
Faschisten (manchmal auch die Linken [Σ]) ergreifen, indem sie Feindbilder
genehmigen, um dem inneren Opfer ein Ventil für seinen Haß, die
Minderwertigkeitsgefühle und die Gewalttätigkeit zu bieten.
Langfristig gibt es jedoch nur
einen Weg, der aus der Misere führt und eine wirkliche Veränderung bedeutet:
Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder so aufwachsen, daß ein inneres
Opfersein gar nicht erst entsteht.
Nur so können demokratische
Gesellschaften Bestand haben: indem sie die wahren Bedürfnisse von Menschen
erkennen und ernst nehmen, indem sie Kindern die Möglichkeit zu einer wahren
Kindheit bieten, die sich an eigenen empathischen Wahrnehmungen und
Bedürfnissen orientiert.„
Tja, weiß jetzt jede/r, was sie
oder er zu tun hat?
Druckfreundliche Darstellung
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