shadow top left   shadow top right
 
transgif
transgif
transgif

humanistische plattform<br>plattform.org - home

Initiative für eine menschliche Politik!
 

transgif

Last update:
Friday, November 19, 2004 at 4:13:51 PM
Copyright 2012

transgif
transgif transgif
transgif
shortcut shortcut shortcut shortcut shortcut shortcut
transgif transgif
transgif Leitbild | Selbstbild | Stellungnahmen | Projekte | Texte | Zitate | Menschen | Orte | Links | Themen
transgif transgif
transgif transgif
transgif transgif
transgif transgif transgif transgif transgif transgif transgif transgif transgif

Aktuelle Diskurse

Was steht zur Debatte?






plattform google

thread: Links thread: literatur thread: aktionen thread: Termine thread: Texte thread: redaktion


gray notes (c) dada.at/geoff


   danke: www.popo.at

  transgif  

GRUEN, Arno: Der Kampf um die Demokratie. Der Extremismus, die Gewalt und der Terror

Arno Gruen

Der Kampf um die Demokratie
Der Extremismus, die Gewalt und der Terror

Stuttgart 2002

Eine Rezension für den Hausgebrauch von Christian Apl, November 2004

Endlich wieder ein Werk, das sich gegen Gewalt wirklich eindringlich auflehnt. Beinahe verzweifelt ˆ angesichts der Selbstverständlichkeit mit der Gewaltanwendungen und -auswirkungen heute hingenommen werden. Die Schwellen der Gewaltlegitimation scheinen ins Bodenlose zu fallen. Mahnende und widersprechende Stimmen treten kaum mit dem entsprechenden Nachdruck ins öffentliche Bewusstsein. ≥Die Gesellschaft„ scheint gelähmt wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Eine eisige Ohnmacht macht sich allerorten bemerkbar.

Gruen schreit auf. Es ist wie ein Schrei des Entsetzens, der geschrieen werden will, aber wie in einem Albtraum nicht geschrieen werden kann. Aber er liefert wichtige Grundlagen zur Entwicklung von Strategien und konkreten Handlungskonzepten, hier muss unbedingt weiter gearbeitet werden.

Gruen geht ≥ausführlich auf die Frage nach Entstehung von Gewalt„ ein und macht wieder einmal nachdrücklich deutlich, dass Gewalt immer nur noch mehr Gewalt erzeugt und damit Menschen ihres Selbst beraubt werden, zuerst psychisch, dann physisch. Rechtsradikalismus und Linksradikalismus sind in der Beschreibung nur die Pole. Die Übergänge sind fließend und schleichend und Gruen macht deutlich, dass es um die Wurzeln des Extremismus geht, die in uns angelegt sind, lange bevor der Extremismus in Erscheinung tritt.

Eine Kostprobe aus dem Vorwort (S. 10): ≥Sophie und Hans Scholl verstanden, wie der Betrug am Menschen durch scheinbar geistige Argumente verdeckt wird. Sie erkannten, dass man einer Entwicklung, die durch und durch ungeistig ist, nicht mit geistigen Argumenten beikommen kann und darf. Die Sprache der Radikalen, die von Krieg und Vergeltung, von Idealen und Nationalem spricht, mag sich geistig gesund anhören. In ihrer Ignoranz gegenüber Ohnmacht, Elend und Demütigung ist sie jedoch völlig von der Realität menschlicher Gefühle und Bedürfnisse abgetrennt.„

Es geht um ≥die Abkehr von der eigenen Menschlichkeit„, Schmerzverleugnung, Erniedrigung, Lieblosigkeiten, fehlendes Einfühlungsvermögen, verdrängtes Mitgefühl, Erziehung, Lebenslügen, Selbstauslöschung, Ideologien, Menschenverachtung, Hass, Fremdes, Selbstmitleid.

Ein paar der wichtigsten Aussagen (S. 14): ≥Solange wir unseren eigenen Schmerz verleugnen, werden wir weder uns noch die neofaschistischen Gewalttäter verstehen. [Σ] Verschleiert wird dabei aber, dass es nicht um ein ≠Zivilisieren‚, sondern um die Festschreibung von Herrschaft geht.„

S. 16: ≥Das Verwerfen der eigenen Menschlichkeit verbindet alle, vom primitiven Rechtsradikalen bis zum Intellektuellen, der seinen Haß auf alles Fremde in menschenverachtende Ideologien verpackt.„

S. 17: ≥Wenn Bedürfnisse nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit nicht befriedigt werden, bringt dies Schmerz hervor und dann Angst.„

S. 19: ≥Die Verleugnung des Schmerzes ist das Allgemeine, das wir alle erlebt haben, weil diejenigen, die uns den Schmerz zugefügt haben, es von uns verlangt haben.„

S. 21: ≥Das ist es, was Menschen zur Gewalttätigkeit treibt: Die fehlende Möglichkeit, eigene Bedürfnisse und Wahrnehmungen zum Kern der eigenen Identitätsentwicklung zu machen.„


Vgl. S. 21: Wer von uns hat nicht immer noch Angst davor, dass sie oder er von einem Menschen aus der Vergangenheit umgebracht wird?

S. 22: ≥Gehorsam wird zur Freiheit umgedeutet und die freiwillige Knechtschaft zu einem bewundernswerten autonomen Akt."

S. 23: ≥Menschen, die einer solchen Entwicklung ausgesetzt waren, müssen alles, was die Wahrheit aufdecken und zu wirklicher Liebe führen würde, hassen und zerstören.„

S. 25: ≥Albert Einstein sagte: Die Welt ist nicht bedroht von Menschen, die böse sind, sondern von denen, die Böses zulassen.„

Und dann erste Hinweise auf Handlungsansätze (S. 27): ≥Wir müssen Menschen Mut machen, sich nicht zu schämen, ihre Gefühle für Gerechtigkeit und ihr Mitgefühl für Leid und Schmerz zu zeigen.„ OK. Wie geht das, dieses Mut machen?

S. 28: ≥Heute wie damals geben die Rechtsradikalen eine Gewalt weiter, die ihnen selbst angetan wurde: Es geht um die Verurteilung ihrer eigenen angeborenen Menschlichkeit, ihres Schmerzes, ihrer Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht.„

Ebd.: ≥Unter dem Deckmantel einer Law-and-order-Gesellschaft, die Macht und Gehorsam glorifiziert, aber nicht wirklich reflektiert, wird man zum freiwilligen Knecht einer im Kern faschistischen Ideologie.„

Handlungsansatz 2
(S. 30): ≥Wirksam ist nur die Haltung eines konsequenten Nein zu Gewalttätigkeit.„ Das heißt wohl: Macht den Mund auf, wenn in Eurer Umgebung Gewalt geschieht, versucht sie zu verhindern. Aber(!!): ≥Wer solche lebenden ≠Gewaltbomben‚ entschärfen will, muß seine eigenen Gewaltbereitschaft erkennen.„ Das kann ich wohl nicht oft genug unterstreichen. Initiativen und Bewegungen für Gewaltfreiheit wurden bisher ja oft dadurch blockiert, dass die Leute die für Gewaltfreiheit eintraten, damit meist automatisch annahmen, sie seien selbst schon gewaltfrei.

Handlungsansatz 3?
(S. 31): ≥Die [neofaschistischen] Jugendlichen in Weidners Studie wollten kein Mitleid, keine Schonung. Sie wollten Konfrontation, Provokation, ein hartes, brutales Nachfragen. Jens Weidner war brutal, er löcherte sie mit Fragen, bis ihre Abwehr zusammenbrach. Wenn man den Helden lange genug malträtiert, schrumpft er irgendwann zum Feigling zusammen. Es geht um eine schonungslose Konfrontation mit sich selbst, weil nur diese zu jener Wahrheit führt, der auszuweichen solche Menschen gewohnt sind. Nur so kann man sie zur Scham über den Mord und zur Achtung vor dem Leben zurückführen.„

Handlungsansatz 4
(S. 37): Erschreckend ist hier die Erkenntnis, wie instabil Menschen, deren Erziehung durch Autorität und Gehorsam bestimmt war, eine Demokratie machen. Die anderen, denen die Demokratie am Herzen liegt, müssen alles tun, um dieses Fehlen eines demokratischen Kerns bei immerhin mehr als der Hälfte der Bevölkerung auszugleichen.„

S. 40: ≥Eltern, die das von ihnen verursachte Leiden des Kindes nicht erkennen, weil sie davon überzeugt sind, nichts falsch machen zu können, erzeugen damit einen Schmerz, der von dem Kind nicht wahrgenommen werden darf. Was nicht heißt, das Kind empfindet den Schmerz nicht, vielmehr muß es dessen Wahrnehmung unterdrücken.„

S. 41: ≥Der wirkliche Schmerz, der um die aktuelle Trauer des ihm zugefügten Leids kreist, wird durch das Kind verneint, da es ja die Eltern mit Schuld konfrontieren würde.„ ˆ Die Kinder sind die wahren Helden, auch wenn sie keiner gefragt hat, ob sie das auch sein wollenΣ

Handlungsansatz 5
(S. 43): Eine Identität, die auf innerer Stärke aufbaut, setzt die Erfahrung wirklicher Liebe voraus.„

S. 44: ≥Was aussieht wie eine Identität, besteht in Wahrheit aus Identifikationen mit Autoritätspersonen, Gehorsam und entsprechenden Rollenklischees männlichen Heldentums. All dies kreist um ein Selbst, das möglichst weit entfernt ist vom wahren eigenen Selbst, das sich minderwertig fühlt und durch ein Gehabe von männlicher Stärke aus dem Bewußtsein ferngehalten wird.„

Gruen untersucht auch die Wurzeln linksradikaler Gewalt (S. 54): Ihre Eltern ≥gaben Paula alles, aber nur, um sie als ihr Eigentum gefügig zu machen.„ Das Kind ≥spürt einerseits, dass die Eltern sich als liebend erleben, fühlt sich aber in seinen wirklichen Bedürfnissen missachtet, die ihren Eltern im Bemühen, ≠gute Eltern‚ zu sein, gar nicht kennen.„

Handlungsansatz 6
(S. 60): ≥Schutz und Stütze eines demokratischen Lebens sind Menschen, deren Identitätsstruktur sich auf der Grundlage empathischen Erlebens ausbilden konnte, die sich [also] den Zugang zu ihren eigenen Wahrnehmungen, Bedürfnissen und Gefühlen bewahrt haben und deshalb gegen eine Abspaltung von Empfindungen wie Mitgefühl geschützt sind, die ihr eigenes Ich nicht verdrängen mussten und sich deshalb nicht in jenem abstrakten, emotionslosen Denken verlieren, das Gewalttätigkeit fördert und Projektionen begünstigt. Kurz: die nicht das Eigene hassen und als fremd interpretieren und in einem Feind bekämpfen müssen.„

S. 64: ≥Das Phänomen der Schmerzverleugnung ist charakteristisch für alle Gesellschaftsordnungen, die auf Anpassung beruhen.„

S. 69: ≥Wenn ein Kind sich unterwerfen muß, fühlt es sich schuldig für die Gewalt, die man ihm antut. So bleibt ihm ˆ eine Paradoxie mit schrecklichen Folgen ˆ die Hoffnung erhalten, dass es seine Lage verbessern kann, indem es sich ändert. Es glaubt ja, selbst an seiner ungeliebten Situation schuld zu sein.„

S. 74: ≥Selbstmitleid ist immer ein Nichtwahrnehmen des wirklich erlebten Schmerzes, weil diesen zu erkennen gegen den Willen der Autorität verstoßen würde.„

Handlungsansatz 7
(S. 84f): ≥Eine Veränderung lässt sich erst herbeiführen, wenn man es schafft, sie [die Rechtsradikalen] betroffen zu machen. Das ist möglich, indem man ihnen vor Augen führt, dass sie ihren eigenen fiktiven Vorstellungen vom Heldentum nicht genügen. [Σ] Solche Menschen glauben, dass ihr Heldentod sie mit Gott [oder wie immer das Ideal heißt] vereinen wird. Auf diese Weise entkommen sie der Verantwortung für das Leben und zerstören es: Diese Menschen sind für ≠Gott‚, aber gegen die Schöpfung.„

S. 87: ≥Es geht um das Sterben, weil das Leben verhaßt ist. Durch die Selbstvernichtung wird der Wille einer Macht erfüllt, die einem in weiter Vergangenheit unterjochte.„

S. 89: ≥Das, was das Eigene hätte sein können, wird gehasst, weil die erziehenden Autoritäten es abgelehnt haben und das Kind dazu verdammt war, es als fremd abzuspalten. [Σ] Es fehlt ihnen an Ganzheitlichkeit. Sie können innere Konflikte nur außerhalb ihrer selbst lokalisieren.„

S. 91: ≥Darin liegt das Problem: Die Identifikation mit dem Mächtigen verhindert die Entfaltung eines eigenen Selbst und dadurch die Entwicklung wahrer Selbstbestimmung und Verantwortung.„

Handlungsansatz 8 (S. 95): ≥Es ist ihre Feigheit, die sie so erbarmungslos macht.„

Handlungsansatz 9 (S. 97): ≥Darum geht es: Wir müssen jene Menschen, die sich [Σ] eine Sensibilität bewahrt haben, in ihrer grundsätzlichen Menschlichkeit unterstützen.„
S. 98: ≥Verwöhnung hat nichts mit Liebe zu tun, auch wenn beides oft gleichgesetzt wird. Das Gegenteil ist der Fall: Liebe respektiert die Eigenständigkeit des Kindes und führt deshalb zu einer freien, eigenständigen Persönlichkeit. Bei Verwöhnung dagegen kommt das Verhältnis zur Mutter einer Leibeigenschaft gleich, was in dem Kind einen tiefen Terror hervorruft.„

S. 104: ≥In einer Welt, die häufig in extremer Weise auf einer Ideologie männlicher Wichtigkeit und Besonderheit beruht, ist die Verwöhnung oft die einzige Möglichkeit für die Mütter, ihren Söhnen überhaupt nahe zu sein und sich gleichzeitig selbst Geltung zu verschaffen.„

S 105: ≥Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass wir überall eine Zunahme von Angst registrieren. Die alten Wunden der Kindheit sind wieder aufgebrochen, der alte innere Terror wurde so zu neuem Leben erweckt und damit auch die Aggressionen.„

Nach 107 Seiten Analyse kommt endlich das 12. Kapitel, überschrieben mit ≥Was tun?„ Leider geht es da nur weiter mit der Analyse und bleibt in den Handlungsansätzen weiterhin sehr allgemein, z.B. S. 110: ≥Es geht um wirkliches Elend und wirkliche Armut, und es geht darum, dass durch die Praktiken der Globalisierung zunehmend ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt werden von Wohlstand und dem Gefühl, einen Platz in der menschlichen Gesellschaft zu haben. Diesen Problemen und den Bedürfnissen der Menschen müssen wir uns zuwenden.„ Oder (S. 111): ≥Man muß mit eigenen Augen sehen können, darauf kommt es an.„ (Das wären Handlungsansatz 10 und 11).

Schließlich kommt er zum Schluss (S. 114f): ≥Es gibt deshalb kurzfristig nur zwei Möglichkeiten, mit dem Problem umzugehen: Entweder man widmet sich den Bedürfnissen der Menschen, ihrer existentiellen Not und ihrem Anspruch auf Würde. Dies muß dann allerdings ernsthaft und wahrhaftig geschehen und nicht nur als eine durch Posen in Szene gesetzte Medienshow. Mit falschen Versprechungen spielt man nur den Faschisten in die Hände, die, da sie dem Tode verschworen sind, ihre der Gewalt gewidmeten Szenarien sehr viel konsequenter betreiben.

Die andere Möglichkeit des Umgangs mit dem Problem ist die, welche die Populisten, Demagogen und Faschisten (manchmal auch die Linken [Σ]) ergreifen, indem sie Feindbilder genehmigen, um dem inneren Opfer ein Ventil für seinen Haß, die Minderwertigkeitsgefühle und die Gewalttätigkeit zu bieten.

Langfristig gibt es jedoch nur einen Weg, der aus der Misere führt und eine wirkliche Veränderung bedeutet: Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder so aufwachsen, daß ein inneres Opfersein gar nicht erst entsteht.

Nur so können demokratische Gesellschaften Bestand haben: indem sie die wahren Bedürfnisse von Menschen erkennen und ernst nehmen, indem sie Kindern die Möglichkeit zu einer wahren Kindheit bieten, die sich an eigenen empathischen Wahrnehmungen und Bedürfnissen orientiert.„


Tja, weiß jetzt jede/r, was sie oder er zu tun hat?

gray notes (c) dada.at/geoff

 

Druckfreundliche Darstellung

  transgif  

  transgif  
  transgif    



orange aprooved
  Initiative für eine menschliche Politik!  powered by fox  webmaster: redaktion@plattform.org
 
shadow bottom left   shadow bottom right