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Freiwilliger Lohnverzicht sichert keine Arbeitsplätze - Hunger Interview

Wirtschaft 18:00 Fr, 27.03.2009
Wirtschaftskrise "Freiwilliger Lohnverzicht sichert keine Arbeitsplätze"
Ö1 Abendjournal - Christian Hunger
Die schlechte Konjunktur bringt immer mehr Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Angesichts rückläufiger Auftragseingänge ist es schwer, den Personalstand zu halten. Viele Unternehmen reagieren mit der Einführung von Kurzarbeit. Das heißt, die Arbeitnehmer arbeiten weniger und verdienen damit auch weniger. Als erstes europäisches Unternehmen spricht jetzt Magna auch von freiwilligem Lohnverzicht der Arbeitnehmer. Das wird von der Gewerkschaft zwar radikal abgelehnt, Magna spricht aber von einer Art Solidarbeitrag jener, die noch voll beschäftigt sind. Wie weit sind Forderungen wie diese den Arbeitnehmern überhaupt zumutbar? Darüber und über andere Fragen hat Sozialwissenschafter Emmerich Talos im Ö1 Interview versucht, Antworten zu finden.
Freiwilliger Lohnverzicht als Solidarbeitrag jener, die noch volle Beschäftigung haben. Was halten Sie davon?
"Ich halte von diesem geforderten Lohnverzicht überhaupt nichts. Wenn wir uns die Lohnentwicklung der letzten 15 Jahre anschauen, dann können wir feststellen, dass die Arbeitnehmer schon weitgehend Lohnverzichte geleistet haben. Die Reallohnsteigerungen lagen weit hinter der Arbeitsproduktivität, der Anteil die Arbeitsentgelte ist beträchtlich gesunken. Das ist nur ein Zeichen dafür, dass in einer Situation, wo es den Unternehmen relativ gut ging, es den Arbeitnehmern nicht so gut ging. Wir können ebenso innerhalb dieser Zeit feststellen, dass der Lohnverzicht nicht das gebracht hat, was manche Unternehmer heute meinen, dass nämlich Lohnverzicht Arbeitsplätze sichert. Die österreichischen Arbeiter und Angestellten haben Lohnverzicht praktiziert, die Arbeitslosigkeit ist in derselben Zeit aber beträchtlich gestiegen. Offenkundig wird Soiidarität immer dann eingefordert, wenn es auch den Managern schlecht geht."
Wie sieht die Diskussion über freiwilligen Lohnverzicht unter dem Aspekt aus, wenn die Alternative Arbeitsplatzverlust heißt?
"Ich halte das für eine abstrakte Diskussion. Die Unternehmen kündigen das zwar an, nur der Effekt, der hier unterstellt wird, tritt nicht ein. Das heißt, es wird zwar davon gesprochen, wenn es Lohnverzicht gibt, wird es weniger Entlassungen geben. Der Beweis dafür fehlt aber. Daher halte ich davon sehr wenig, eigentlich am schwächsten Glied anzusetzen. Hier muss sich die Politik verschiedenste Strategien überlegen, wie aus dieser Situation herauszukommen ist und zweifellos auch Bedingungen schaffen, dass auch Unternehmen unter diesen Bedingungen überleben können."
Könnte man nicht darüber diskutieren, dass es Gegenleistungen gibt, etwa dass Unternehmen Gewinnbeteiligungen versprechen in Zeiten, wenn es wieder besser geht?
"Gewinnbeteiligungen wären meines Erachtens eigentlich das Normale. Das hat sich nur bisher so nicht abgespielt. Es gibt zwar mit Sicherheit in der Diskussion alle möglichen guten Ansätze, nur die Umsetzung wie z. B. auch bei der Gewinnbeteiligung ist relativ träge. Und warum sollen Arbeitnehmer oder deren Vertretung einfach auf solche flockigen Ankündigungen reagieren, ihr Verhalten darauf einstellen, wo sie eigentlich überhaupt keine Gewähr haben, dass tatsächlich dann einmal die positive Auszahlung kommt?"
Die österreichischen Arbeitnehmer sind ja sozial nicht schlecht abgesichert. Wäre es nicht gerade jetzt angesichts der Weltwirtschaftskrise Zeit, darüber nachzudenken, wo es Speckpölster gibt, die man eventuell abbauen könnte?
"Zwei Punkte dazu: Der eine Punkt ist, dass gerade in einer Situation wie der jetzigen deutlich wird, wie wichtig sozialstaatliche Leistungen sind. Zunehmend werden Menschen in den nächsten Monaten erwerbslos. Es ist ganz ganz wichtig, dass es hier eine Absicherung gibt. Auf der anderen Seite ist unstrittig: Jedes System, das Leistungen anbietet, muss sich mit der Frage konfrontieren lassen - bringen es die Leistungen noch, bestehen sie zu Recht oder nicht mehr zu Recht? Was muss geändert werden? Ein Beispiel: Die so genannte Hacklerregelung zeigt, dass hier eine Maßnahme besteht, die den ursprünglichen Zweck überhaupt nicht mehr erfüllt und von daher durchaus die Überlegung besteht, ob man sie weiterführen soll. Ich meine, dieses Instrument erfüllt nicht mehr den ursprünglichen Zweck, es kommt bestimmten Beschäftigungsgruppen zugute, die das nicht brauchen. Und von daher können wir sagen: Wo gibt es Veränderungsmöglichkeiten? Aber wenn ich darüber nachdenke, wo Speck angesetzt ist, bedeutet das nicht, dass deswegen der Sozialstaat insgesamt in seiner Ausdifferenzierung unnötig geworden ist. Im Gegenteil!" Hinter dieser Kurzarbeit, der Diskussion über Lohnverzicht, steckt das Bemühen der Unternehmen, die qualifizierten Arbeitnehmer zu halten, weil sie wissen, dass sie in Zeiten, wenn die Konjunktur wieder anspringt, unbedingt diese Arbeitnehmer brauchen. Gibt es da Alternativen dazu? "Die derzeitige Strategie ist für einen kurzen Zeitraum ausgerichtet. Ich meine, diese Situation wäre auch der Hintergrund, um bestimmte Qualifikationsprogramme zu realisieren. Dass die Unternehmer ein legitimes Interesse haben, das sie gute, qualifizierte Arbeitskräfte nicht verlieren, ist irgendwie evident. Im Bereich der Leiharbeit gibt es einen in Österreich doch recht guten Leiharbeitervertrag. Auch hier sind Möglichkeiten der Qualifikation vorgesehen. Das heißt: Auch diese Situation könnte durchaus genützt werden, wo ja Unternehmen dann wieder davon profitieren, wenn Qualifikationsprogramme realisiert werden sollten."

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