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Ein unübertroffener Analytiker

Ein unübertroffener Analytiker Zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche / Von Volker Kempf

Quelle: http://www.volker-kempf.de/nietzsche3.html

≥Sie reden alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, aber Niemand ˆ denkt an mich!„ Diese Worte, die der einsame Friedrich Nietzsche einmal an Lou Andreas-Salomé geschrieben hat, sind heute zutreffender denn je. Eine Heerschar von Kalenderjournalisten wird sich in diesen Tagen über Nietzsche auslassen, bei ihm sind sie nicht. Ein Millionenpublikum wird am Zerstreuungsapparat Fernsehen sitzen und die eine oder andere Sendung über besagten Philosophen ansehen, bei ihm sind auch sie nicht. Die einen liefern Unterhaltungsware und Infohäppchen, die anderen konsumieren diese. Zu diesem Unterhaltungszirkus gehört, daß von intellektuellen Herumtreibern Nietzsche fleißig zitiert wird, wenn nur die Sensationsqualität stimmt. Die immerwiederkehrende, das Publikum fesselnde Frage, ob Nietzsche ein böser Denker war, der die negativen Seiten der Deutschen angesprochen habe, darf dabei natürlich nicht fehlen. Der Lärm um Nietzsche, von dem er selber einmal sagte, daß dieser ≥einen Mantel„ um seine Gedanken lege, wird immer lauter. Martin Heidegger scheint diesen Vorgang zu erläutern wenn er 1955 ausführt: ≥Machen wir uns nichts vor. Wir alle, eingeschlossen diejenigen, die gleichsam von Berufs wegen denken, wir alle sind oft genug gedanken-arm; wir alle sind allzuleicht gedanken-los. Die Gedankenlosigkeit ist ein unheimlicher Gast, der in der heutigen Welt überall aus- und eingeht. Denn man nimmt heute alles und jedes auf dem schnellsten und billigsten Weg zur Kenntnis und hat es im selben Augenblick ebenso rasch vergessen. So jagt auch eine Veranstaltung die andere. Die Gedenkfeiern werden immer gedankenärmer. Gedenkfeier und Gedankenlosigkeit finden sich einträchtig zusammen.„

Oberflächlich herausgepickte Aspekte, tendenziöse Interpretationen oder die genügsame Feststellung, daß Nietzsche nur der berühmteste, aber nicht der beliebteste Philosoph der letzten 100 Jahre sei, das ist das Material, aus dem der Mantel um den großen Freigeist gewoben ist. Diesen Mantel zu lichten kann nur gelingen, wenn man die Werke Nietzsches gebührend beachtet und ihnen zudenkt. Doch Nietzsche macht es einem auch nicht leicht: seine Aphorismen laden dazu ein, einzelne Ideen aus dem Zusammenhang zu reißen und beliebig auszudeuten. Und wer sich dazu durchringt, sich einen Überblick über das ganze Werk mühsam zu verschaffen, der droht verwirrt zu werden. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Schaffensphasen des Pfarrersohnes Nietzsche.

Bei allem Wandlungsdrang und Meinungswechsel kennzeichnet Nietzsche, was als Ausgangspunkt seiner Gedanken gelten kann: der durchdringende Blick in das Menschliche, Allzumenschliche und in die weite Ferne des gottentleerten Universums. Wie ein Astronom denkt sich Nietzsche in die ewigen Fernen des Weltalls hinaus, um zum blauen Planet Erde zurückzublicken. In dem Büchlein Der Wanderer und sein Schatten etwa heißt es: ≥Der unbefangenste Astronom selber kann die Erde ohne Leben kaum anders empfinden als wie den leuchtenden und schwebenden Grabhügel der Menschheit.„ In dieser Sicht, in der es keine Rolle spielt, ob auf der Erde nun Menschen leben oder nicht, ist Gott tot. Alles ist entwertet, was es nur an Werten gibt: Bewußtsein, Intellekt, Philosophie, Menschenstolz und Menschenwürde, das Leben überhaupt.

Wo diese nihilistische Leere herrscht, und alles gleich gültig ist, bis hin zur Gleichgültigkeit, da macht sich Hybris breit: ≥Hybris ist unsere ganze Stellung zur Natur, unsere Natur-Vergewaltigung mit Hilfe der Maschinen und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur-Erfindsamkeit„ (Zur Genialogie der Moral). Diese Hybris ist unterdessen 100 Jahre vorangeschritten, und die Technik hat sich perfektioniert; der einzige Wert, der dem Planet Erde in den 100 Jahren seit Nietzsche beschieden war, ist, als Rohstoff gedient zu haben und geplündert zu werden. Die maschinenmäßige Fabrizierung von Leichen hatte in den letzten 100 Jahren unterdessen der Nihilist in Aktion Adolf Hitler vollzogen ˆ Stalin brauchte keine Chemiker und Ingenieure, der hatte Sibirien.

Nietzsches Sicht aus fernster Ferne und aus nächster Nähe des Menschlichen ergab, daß der Mensch allzumenschlich dem ≥Auge der Ewigkeit„ nicht standhält, und deshalb kann Nietzsche die Geschichte der ihm folgenden zwei Jahrhunderte erzählen. Es ist die Geschichte über das, ≥was kommt, was nicht mehr anders kommen kann: Die Heraufkunft des Nihilismus.„ In dieser Geschichte bewegt sich unsere ganze europäische Kultur ≥mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wächst, wie auf eine Katastrophe los: unruhig, gewaltsam, überstürzt: wie ein Strom, der ans Ende will, der sich nicht mehr besinnt, der Furcht davor hat, sich zu besinnen„ (Nachgelassene Fragmente 1887-1889).

Nietzsche hat nicht Gott getötet. Die Geburt der Tragödie begann vielmehr schon mit Sokrates, der den wissenschaftlichen Geist verkörpert. Nietzsche ist nur der Übermittler der Botschaft des metaphysisch so schwerwiegenden Tod Gottes, welchen er mit tiefen und einsamen Widerspiegelungen in seiner Seele verarbeitete. Auf diesem Wege drang Nietzsche in das Gefühlsleben nicht nur seiner selbst ein, sondern auch in die Tiefenschichten unserer Zeit, der er vorauseilt und der er näher ist, als die besinnungslosen Zeitgenossen es heute sind.

Daß der Mensch nach Kopernikus und Darwin kein Ebenbild Gottes mehr sein kann, das zu verkraften fiel selbst Martin Heidegger schwer, welcher der Spezies Mensch allzumenschlich wieder zu einer metaphysischen Sonderstellung verhalf, indem er diese aus der Evolution herausnahm und nur noch von den Daseienden sprach. Karl Jaspers ging es ähnlich, auch er verstand es, in seinen Schriften über den Menschen einen großen Bogen um Charles Darwin zu machen. Die Folgen der Kenntnis von der Evolution des Lebens hat Jaspers in seinem Weltbild also nicht radikal bedacht. Um so mehr erweist sich Nietzsche nach 100 Jahren als der Philosoph, der unübertroffen ist, wie immer man zu seinen Folgerungen, Lehren, Wandlungen und seiner geistigen Umnachtung im einzelnen dann stehen mag.

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